Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

diesem  Entwicklungsprozeß  ist  die  Mischung  bedroht,  und  zwar  weil  sie  von
beiden  Seiten  kritisch  gesehen  wird.  Die  sprachliche  Mischung  ist  stigmatisiert
und  gilt  als  minderwertig.  Von  beiden  Seiten  werden  „reine“  Formen  angestrebt.
  Einerseits  äußert  sich  dies  im  Bemühen  um  das  Erlernen  des  „reinen“
Deutsch.  Wichtige  Institutionen  auf  sprachlicher  Ebene  sind  hier  Schule,
Militär  und  Behörden,  in  gewissen  Gebieten  auch  die  Kirche.  Diese  Bemühungen
  drücken  sich  aber  auch  anders  aus,  so  im  Ablegen  der  Tracht,  in  der
Aufgabe  des  Brauchtums,  im  Übergang  zum  deutschen  Gesang.  Anderseits  gibt
es  Bestrebungen,  das  Sorbische  „rein“  zu  halten  bzw.  zu  machen.  Ausdruck
dieser  Haltung  sind  etwa  sorbischer  sprachlicher  Purismus,  häufig  einhergehend
mit  Tendenzen  zur  „Slavisierung“  des  Sorbischen,  und  die  moralische  Verpflichtung
  der  Schriftsteller,  nur  sorbisch  zu  schreiben.  Träger  dieser  Bestrebungen
  sind  Intellektuelle,  aber  auch  ländliche  Traditionalisten  sowie  in
gewissen  Gebieten  die  Kirche.  So  bilden  sich  zwei  Ideale  heraus:  das  eine,  das
sich  als  progressiv  sieht,  ist  die  völlige  Assimilation  hin  zum  reinen  Deutschen,
sowohl  sprachlich  als  auch  kulturell.  Das  andere,  das  sich  im  positiven  Sinn  als
konservativ  versteht,  sieht  rein  Deutsches  und  rein  Sorbisches  nebeneinander,
aber  klar  getrennt.48  Von  den  Verfechtern  des  zweiten  Ideals  wurde  dabei
übersehen,  daß  dieses  wohl  zu  noch  schnellerem  Übergang  zum  Deutschen
führen  mußte,  da  sich  die  sprachtragende  Bevölkerung  im  „reinen“  Sorbischen
oft  nicht  mehr  wiederfand.
5.3. Erst  in  neuerer  Zeit  wird  die  Tatsache  des  sprachlichen  und  kulturellen
Neben-,  Mit-  und  Durcheinanders  mit  sich  daraus  ergebenden  Mischungen
unbefangener  gesehen.  Dies  läßt  sich  an  drei  Erscheinungen  zeigen.
5.3.1. Zum  einen  wird  der  sprachliche  Purismus  relativiert.  In  der
Umgangssprache,  aber  auch  in  der  Sprache  der  Medien  werden  Germanismen
vermehrt  geduldet.  Dies  gilt  insbesondere  für  das  Niedersorbische.  Hier  werden
Wörter  wie  hundert,  blows  (<  bloß),  burstak  (<  Geburtstag)  ebenso  alltäglich
gebraucht  wie  Passivkonstruktionen  mit  wordowas  (<  werden),  was  vor  zehn
Jahren,  jedenfalls  im  öffentlichen  und  insbesondere  im  schriftlichen  Sprachgebrauch,
  nicht  möglich  gewesen  wäre.  Aber  auch  Sprachsituationen  sind  heute
gelegentlich  gemischt.  Dies  wird  etwa  an  den  bereits  erwähnten  WITAJ-Kindergärten
  deutlich,  wo  deutschsprachige  Kinder  nach  der  Immersionsmethode
  zum  Sorbischen  hingeführt  werden.  Dabei  gilt  als  Grundsatz,  daß  die
Erzieherinnen  nur  sorbisch  reden  sollten,  während  der  Sprachgebrauch  der
Kinder  nicht  reglementiert  ist.  So  entstehen  einerseits  Formen  der  „Semi¬48

  Eine  denkbare  dritte  Variante,  die  Assimilierung  des  Deutschen  ans  Sorbische,  wurde
wohl,  weil  zu  wirklichkeitsfremd,  nie  ernsthaft  erwogen.  Immerhin  sind  die  Bestrebungen
um  sorbische  Autonomie  oder  Anschluß  an  slavische  Staaten  (Öechoslovakei,  Polen  oder
gar  Jugoslavien),  die  es  im  Gefolge  des  ersten  und  zweiten  Weltkrieges  gab,  möglicherweise
  in  diesem  Zusammenhang  zu  sehen.

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