Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Gruppen-Zweisprachigkeit  dagegen  ist  das  anders:  hier  können  beide  Sprachen
systematisch  verändert  werden.  Die  weitere  Möglichkeit  der  Herausbildung
einer  Pidgin-Sprache  ist  für  Gruppen-Zweisprachigkeit  nicht  typisch  und  entfällt
  deshalb  für  den  deutsch-sorbischen  Kontakt.44  Und  was  für  die  Sprachen
gilt,  läßt  sich  mutatis  mutandis  auch  auf  sprachlich  ausgedrückte  Kultur  und
schließlich  auch  auf  Kultur  im  weiteren  Sinne  übertragen.
5.1.  Die  Mischung  von  Sorbisch  und  Deutsch  ergibt  sich  natürlich  aus  dem
Vordringen  des  Deutschen  und  der  allmählichen  Assimilierung  der  ursprünglich
einsprachig  sorbischen  Bevölkerung.  Die  Mischung  setzt  damit  gewisse  Formen
von  Zweisprachigkeit  zumindest  bei  einem  Teil  der  Bevölkerung  voraus.
Mischung  kommt  dabei  bei  beiden  Sprachen  vor,  auch  wenn  das  Sorbische
mehr  vom  Deutschen  angenommen  hat  als  umgekehrt.  Am  offensichtlichsten  ist
die  Gegenseitigkeit  im  Wortschatz:  das  Deutsch  in  der  Lausitz  kennt  eine  ganze
Reihe  sorbischer  Entlehnungen,  die  außerhalb  der  Region  nicht  bekannt  sind.45
Umgekehrt  kennt  das  Sorbische,  und  hier  insbesondere  seine  gesprochene
Form,  eine  Vielzahl  deutscher  Lehnwörter.  Auch  im  lautlichen  Bereich  gibt  es
die  Einflüsse:  früher  war  es  der  viel  verspottete  slavische  Akzent  der  Zweisprachigen,
  aber  umgekehrt  ist  es  auch  der  „unslavische“,  „deutsche“  Klang
insbesondere  des  Obersorbischen,  der  slavischen  (und  slavistischen)  Ohren
sofort  auffällt.  Ein  indirekter  Einfluß  auf  lautlichem  Gebiet  ist  auch  in  der
Tatsache  zu  sehen,  daß  die  sprachlich  assimilierten  Gebiete  in  der  deutschen
Dialektologie  eine  eigene  Gruppe  bilden,  die  sich  von  der  Umgebung  deutlich
abhebt.46 *  Insgesamt  ist  die  Substrat  Wirkung  des  Sorbischen  ziemlich  ausgeprägt
gewesen,  so  daß  man  bei  den  sich  assimilierenden  Generationen  das  Gefühl
hatte,  zumindest  zum  Teil  eine  „eigene  Sprache“  zu  sprechen.4^
5.2.  Dieser  natürliche  Zustand  der  sprachlichen  Mischung  ist  über  die  Zeit
hinweg  betrachtet  wenig  beständig,  Wie  bereits  gezeigt,  handelt  es  sich  um  eine
Zwischenstufe  auf  dem  Weg  von  der  sorbischen  Einsprachigkeit  zur  deutschen
Einsprachigkeit  (s.o.  3.2.1.).  Aber  auch  abgesehen  von  der  Instabilität  in

44  Im  slavisch-germanischen  Kontakt  ist  nur  eine  Form  von  Pidgin  bezeugt,  die  allerdings
heute  nicht  mehr  verwendet  wird:  das  Russe-Norsk  (vgl.  Broch/Jahr  1984  und  1990).  Es
wäre  allerdings  zu  prüfen,  inwieweit  sich  heute  unter  Fernfahrern  neue  Pidgin-Formen
herausbilden  bzw.  bereits  herausgebildet  haben.
45  Diejenigen,  die  im  ganzen  deutschen  Sprachraum  verbreitet  sind,  haben  dies  im
wesentlichen  dem  Einfluß  der  Lutherschen  Schriften  zu  verdanken,  der  sich  des  slavischen
  Substrats  seiner  Sprache  wohl  kaum  bewußt  war.
46  Vgl.  dazu  Protze  1957.
4^  Sie  wird  bei  Erwin  Strittmatter  als  „Ponaschemu“  bezeichnet,  vgl.  die  zahlreichen
Hinweise  darauf  in  seiner  Roman-Trilogie  Der  Laden  (Strittmatter  1990-92).  Auch
anderswo  gab  es  deutsch-slavische  Mischformen,  so  das  „Wasserpolnische“  (vgl.  den
Beitrag  von  G.  Scholdt  zu  Scholtis  in  diesem  Band)  oder  das  „Kuchelböhmische“,

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