eine wichtige Rolle. Auch in der Kleidung äußerte sich, zumindest bei Frauen,
bis ins 20. Jahrhundert36 die Zugehörigkeit zur sorbischen Volksgruppe.37
Außerdem war die Religion ein Identifikationsmerkmal. Für die katholischen
Obersorben war das in einer reformierten Umgebung gegeben. Aber auch bei
den evangelischen Sorben spielte sie eine identitätsstiftende Rolle, soweit das
Kirchenvolk ganz sorbisch war oder zumindest sorbischsprachige Gottesdienste
besuchte und seinen Glauben in sorbischer Sprache lebte. Die sorbische
Abstammung war dagegen wohl von geringerer Bedeutung: es gibt viele Belege
für Zugezogene, die sich assimilierten.
4.2. Heute dagegen scheint das Bündel, das ursprünglich eine Einheit bildete,
aufgelöst zu sein, und die einzelnen Elemente sind entweder verschwunden
oder haben andere Funktionen übernommen. Deutlichster Ausdruck für diese
Veränderung ist die Tatsache, daß, wie erwähnt, rechtlich gesehen allein das
Bekenntnis über die Zugehörigkeit zur Volksgruppe entscheidet38 und damit
keines der oben genannten Merkmale vorhanden sein muß. Außerdem haben
sich einige der Faktoren gleichsam verselbständigt und haben heute andere
Funktionen. Besonders deutlich ist das in der Niederlausitz. So ist das
Trachtentragen heute fast vollständig auf die Festtagstracht beschränkt und
findet nur noch bei wenigen Anlässen statt (vor allem bei Fastnachts- und
Erntebräuchen); gleichzeitig ist der früher gegebene Bezug zur Lebenswelt
weitgehend verlorengegangen.39 Es gibt auch heute noch sorbische Hochzeiten,
Taufen und Spinten, jetzt aber als Darbietung von Trachten- und Brauchtumsvereinen.
Musik und Tanz sind weitgehend professionalisiert, und das
Sorbische Nationalensemble (Serbski ludowy ansambl) ist zumindest ebenso
sehr eine Erscheinung der globalen Festivalkultur wie ein Ausdruck sorbischen
Bewußtseins. Auch die Verbindung zum Glauben ist zurückgegangen, da es in
der Niederlausitz keine sorbischen Kirchgemeinden mehr gibt. Allein die etwa
36 Hier besteht übrigens in der Bezeichnung ein interessanter Bezug zur ökonomisch/
sozialen Charakterisierung. Eine Frau, die ständig die sorbische Tracht trägt (d.h, meist
die Alltagstracht), wird niedersorbisch wie folgt beschrieben: „Wona chojzi burska.“
[wörtlich: Sie geht bäurisch.] Wenn die Tracht nicht mehr getragen wird, geht man
„bergarska“ [bürgerlich, städtisch].
37 Die einzige umfassende Erhebung über die Zahl der Sorben in der DDR, die allerdings
unveröffentlicht blieb, ermittelte neben der Zahl der Sorbischsprachigen auch die Zahl der
Frauen, die noch regelmäßig Tracht trugen (Cemik 1956 und 1956a).
38 Das führt dazu, daß ein englischer Schriftsteller, Michael Gromm, als Sorbe gegen die
geplante Abbaggerung von Rogow/Homo klagen kann, weil dadurch die Rechte der
Sorben (Wenden) und damit auch seine Rechte auf „Schutz, Erhaltung und Pflege“ des
„angestammten Siedlungsgebietes“ verletzt würden (Sorben [Wenden]- Gesetz § 3 (2)).
39 Auch die Verwendung der Tracht für Werbezwecke und im Tourismus ist ein Beleg für
diese Entkoppelung von Kleidung und Lebenswelt.
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