Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

volle  Zweisprachigkeit  mit  Sorbisch  als  Erstsprache  (S  +  D).  Sie  bildet  sich  ab
der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  heraus.  Sie  ist  heute  noch  im
katholischen  sorbischen  Gebiet  und  darüber  hinaus  im  Obersorbischen  vereinzelt
  erhalten.  Als  nächstes  folgt  eine  Zwischenstufe  voller  Zweisprachigkeit  mit
Deutsch  als  Erstsprache  (D  +  S);  sie  kann  aber  öfters  fehlen.  Recht  gut
vertreten  ist  dagegen  die  passive  Zweisprachigkeit  (D  +  [S]).  Sie  setzt  verstärkt
zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  ein.  Die  letzte  Stufe  ist  dann  die  vollständige
oder  zumindest  weitgehende  Einsprachigkeit  (D).33  Sie  wurde  sprachenpolitisch
  im  Deutschen  Reich  angestrebt  und  im  20.  Jahrhundert  während  der
nationalsozialistischen  Herrschaft  gefördert  und  gilt  heute  fast  durchgängig  für
die  jüngere  Generation  in  der  Niederlausitz.  In  letzter  Zeit  wird  von  sorbischen
Verbänden  und  insbesondere  über  die  Schule  versucht,  neben  der  Bewahrung
der  vollen  Zweisprachigkeit  eine  neue,  zumindest  passive  Zweisprachigkeit  zu
entwickeln  (D  +  [S]  bzw.  D  +  S).  Die  Anfänge  dafür  sind  in  der  Sprachenpolitik
  der  DDR  der  fünfziger  Jahre  zu  sehen  (Schlagwort  „Die  Lausitz  wird
zweisprachig!“),34  aber  auch  im  Schulsystem  mit  der  bis  heute  bewahrten
Zweiteilung  in  A-Schulen  mit  sorbischer  Unterrrichtssprache  (zur  Erhaltung
der  Zweisprachigkeit  S  +  D  bzw.  D  +  S)  und  B-Schulen  mit  sorbischem
Sprachunterricht  (zur  Förderung  zumindest  der  passiven  Zweisprachigkeit  D  +
[S]).  In  neuester  Zeit  gibt  es  Versuche,  durch  sprachliche  Immersion  zur
Zweisprachigkeit  vom  Typ  D  +  S  zu  gelangen.
Es  ergibt  sich  also  vereinfacht  folgende  Entwicklung:

S —>  S  +  [D]  —>  S  +  D  —>  D  +  S  —>  D  +  [S]  —>  D

Angestrebt  wird  eine  Umkehrung  der  letzten  beiden  Entwicklungsschritte:

D  —>  D  +  [S]  —>  D  +  S

3.2.2. Während  die  dargestellte  Entwicklung  von  der  Kompetenz  der
sprachtragenden  Bevölkerung  ausgeht,  ist  die  tatsächliche  Sprachverwendung
stark  von  Situationen  und  Institutionen  abhängig  und  kann  deswegen  in  einem
bestimmten  Zeitraum  und  beim  selben  Personenkreis  sehr  unterschiedlich  sein.
Insgesamt  kann  man  sagen,  daß  im  staatlichen  Kontext  die  Einsprachigkeit  D
am  stärksten  gefördert  und  gefordert  wurde.  Dies  gilt  insbesondere  für  die

33  Vgl.  ein  entsprechendes  Schema  bei  Norberg  1996,  95,  die  den  Sprachwechsel  in  der
Gemeinde  Hochoza/Drachhausen  untersucht  hat.
34  In  den  sechziger  Jahren  wurde  es  abgelöst  durch  „Die  Lausitz  wird  sozialistisch!“,  was
schwerwiegende  Konsequenzen  für  den  Sorbischunterricht  hatte.  Vgl.  dazu  Elle  1995.

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