Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

2.5.  Bezüglich  der  Größe  der  sprachtragenden  Bevölkerung  ist  wohl  im  18.
Jahrhundert,  nach  der  Erholung  von  den  Verlusten  durch  den  dreißigjährigen
Krieg,  der  Höhepunkt  mit  über  200  000  Sorbischsprachigen  erreicht,  die
meisten  davon  einsprachig.  Im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  sinkt  diese  Zahl  nach
offiziellen  Angaben  auf  ungefähr  100  000,  nach  sorbischen  Erhebungen  auf
etwa  150  000.  Das  20.  Jahrhundert  sieht  einen  weiteren  dramatischen  Rückgang.
  Verläßliche  Zahlen  liegen  keine  vor;  man  rechnet  heute  mit  40  000  bis
60  000  Personen,  die  Sorbisch  in  unterschiedlichem  Maße  beherrschen.25
2.6.  Betrachtet  man  das  heutige  sorbische  Sprachgebiet,  so  ist  es,  abgesehen
vom  Kemgebiet,  durchgehend  fragmentarisiert.  Da  das  Kemgebiet  sehr  klein
ist  und  selbst  dort  das  Deutsche  einen  starken  Einfluß  ausübt,  kann  man  im
Grunde  genommen  das  gesamte  sorbische  Sprachgebiet  als  Grenzgebiet  oder
besser  als  Grenzraum  ohne  Grenzen  bezeichnen.
3. Die  inneren  Verhältnisse  sind  unter  zwei  verschiedenen  Gesichtspunkten  von
Bedeutung.  Zum  einen  geht  es  um  die  innere  Gliederung  des  Gebiets  bzw.  der
Bevölkerung,  und  das  in  erster  Linie  bezüglich  des  Sorbischen,  dann  aber  auch
bezüglich  der  Einstellung  zur  ethnischen  und  regionalen  Zugehörigkeit  sowie
der  politischen  und  konfessionellen  Gliederung.  Zum  andern  spielt  das
Verhältnis  zwischen  Deutsch  und  Sorbisch  innerhalb  des  Sprachgebiets  eine
Rolle.  Beide  Aspekte  müssen  auch  aus  historischer  Perspektive  betrachtet
werden.
3.1.  Das  sorbische  Sprachgebiet  bildete  seit  der  Zeit  seiner  größten  Ausdehnung
bis  heute  nie  eine  Einheit.  Die  einzige  Konstante  war  sprachlich/politisch:  die
Beherrschung  durch  das  Deutsche.  Diese  Uneinheitlichkeit  hat  sich  auch  auf  die
sprachliche  Entwicklung  ausgewirkt.
3.1.1.  Wichtig  ist  zunächst  die  dialektale  Gliederung  des  Sprachgebiets.  Sie  läßt
sich  z.T.  für  das  gesamte  ursprüngliche  Gebiet  aufgrund  der  Ortsnamen
rekonstruieren.  Für  die  sprachliche  Entwicklung  bis  heute  und  insbesondere  für
die  Herausbildung  standardsprachlicher  Formen  ist  aber  nur  die  Gliederung  in
der  Lausitz  von  Interesse.  Sie  wird  hauptsächlich  von  Isoglossen  strukturiert,
die  von  West  nach  Ost  verlaufen;  Isoglossen  in  Nord-Süd-Richtung  sind
sekundär.* 2^  Durch  eine  Isoglossen-Bündelung  in  einer  Übergangszone  zwischen
Zty  Komorow/Senftenberg  und  Bela  Woda/Weißwasser  wird  die  Lausitz

25  Vgl.  dazu  Elle  1991,  dessen  Zahlen  allerdings  im  wesentlichen  auf  Hochrechnungen  im
obersorbischen  Sprachgebiet  zurückgehen.  Für  das  Niedersorbische  gibt  es  Hochrechnungen
  aufgrund  ausführlicherer  Erhebungen,  doch  sind  sie  noch  nicht  vollständig
verfügbar  (eine  Übersicht  gibt  Steenwijk  1999).  Zu  früheren  statistischen  Erhebungen
zum  Sorbischen  vgl.  Burkhardt  1932  und  Üemik  1954.
26  Vgl.  dazu  die  sogenannten  Wabenkarten  in  SRA  10,  390-399,  und  12,  328-330.

259
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.