2. Das ursprünglich als sorbisch angesehene Sprachgebiet war Bestandteil des
slavischen Kontinuums. Innerhalb dieses Kontinuums wird es aufgrund bestimmter
lautlicher Unterschiede von seinen Nachbarn abgegrenzt: im Norden
zum Polabischen und Pomoranischen, im Osten zum Polnischen und im Süden
zum Cechischen (im Westen grenzte es ans germanische Kontinuum).22
2.1. Der gesamte, dem Polnischen vorgelagerte westliche Teil des slavischen
Kontinuums befand sich ab dem 10./11. Jahrhunderts infolge deutscher Herrschaft
und deutscher Kolonisierung unter zunehmendem Einfluß des Deutschen.
Dies führte zu einem allmählichen Zurückweichen der Grenze des slavischen
Kontinuums im sorbischen Bereich nach Osten. Gleichzeitig wurde das geschlossene
sorbische Sprachgebiet allmählich dadurch aufgelöst, daß die darin
entstehenden Städte mehrheitlich deutschsprachig waren und daß das Deutsche
auch auf das umliegende Land ausstrahlte.
2.2. Ab dem 16. Jahrhundert werden die sprachlichen Verhältnisse deutlicher
faßbar, und gleichzeitig beschleunigt sich die Ausbreitung des Deutschen (vgl.
Abb. 3)23 Dies hängt wesentlich mit der Reformation zusammen, welche die
22 Als bedeutsam für die Abgrenzung werden folgende lautlichen Entwicklungen angesehen:
gegenüber dem Polabischen und Pomoranischen die Durchführung der Liquidametathese
(polabisch Stargard gegen sorbisch Grodk), gegenüber dem Polnischen der
Verlust der Nasalvokale, gegenüber dem Cechischen der Verlust der Unterscheidung
langer und kurzer Vokale. Die Übergänge sind allerdings fließend, und die Wahl gerade
dieser Isoglossen entbehrt nicht einer gewissen Willküriiehkeit. Am detailliertesten ist die
Darstellung der Grenzen bei Trautmann 1947, 97-100, und 1948, 5-20.
23 Grundlage für die Abbildung sind die Karten in Solta u.a. 1975-79 sowie (für die
Situation von 1984) Dippmann 1985. Bei der Darstellung ist zu beachten, daß jeweils
unterschiedliche Sachverhalte graphisch zum Ausdruck gebracht werden. Für das 16.
Jahrhundert handelt es sich um ein kompaktes Sprachgebiet (mit Ausnahme der Städte),
für 1789 um ein Gebiet mit fast ausschließlich sorbischer Sprache, für 1884 um das
Gebiet, wo die Bevölkerungsmehrheit sorbischsprachig war. Für 1984 sind zwei
Verteilungen dargestellt: einerseits das Gebiet mit mindestens einem Viertel sorbischsprachiger
Bevölkerung, anderseits das Gebiet mit sorbischsprachiger Bevölkerungsmehrheit.
Direkt vergleichbar sind also nur die Angaben „sorbischsprachige Bevölkerungsmehrheit
1984“ und „sorbischsprachige Bevölkerungsmehrheit um 1884“. (Das von
Dippmann ausgewiesene Gebiet mit mindestens einem Viertel sorbisch-sprachiger
Bevölkerung ist wohl zu groß, doch sind keine besseren Unterlagen verfügbar: die sonst
meist verwendeten kartographischen Darstellungen weisen in der Regel das Gebiet aus,
wo überhaupt noch Sorbischsprachige leben, und zwar auf der Grundlage von SRA,
womit sie für einen Vergleich unbrauchbar sind. Differenzierter ist, soweit ich sehe, nur
Faßke 1991, 33.)
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