Gebiet der Sprachinsel ansäßige Bevölkerung ist nach 1945 zum größten Teil
vertrieben worden. Das Gebiet ist heute polonisiert.19
1.2.2.2. Das Kaschubische wurde (und wird) in einem größeren Gebiet
westlich von Danzig gesprochen. Es war ursprünglich im Kontinuum dem
Polnischen vorgelagert, entwickelte sich aber im Gefolge deutscher Siedlung
und sprachlicher Assimilation zu einer Sprachinsel in deutschsprachiger Umgebung.
Es wurde schon sehr früh vom Polnischen beeinflußt, jedenfalls in der
schriftlichen Überlieferung. Der Streit, ob Kaschubisch eine „selbständige
Sprache“ oder ein polnischer Dialekt sei, wurde aufgrund der politischen Implikationen
sehr heftig geführt und ist erst in neuerer Zeit entschärft.20 21 Infolge
der Grenzverschiebungen sowie der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung
und der Neubesiedlung des Gebiets durch Polnischsprechende nach
1945 wurde das Kaschubische zu einer Sprachinsel im Polnischen. Dadurch ist
der polnische Einfluß auf das Kaschubische deutlich verstärkt worden. Die
ursprüngliche Situation der Koexistenz Kaschubisch - Deutsch (bzw. Kaschubisch
- Deutsch - Polnisch) ist einem Nebeneinander Kaschubisch - Polnisch
gewichen.2! In den letzten Jahren hat Kaschubisch an Prestige gewonnen, und
es sind auch verstärkt Bemühungen feststellbar, es zu einer Standardsprache
auszubauen.
1.2.3. Die bisher aufgezählten Fälle slavischer Sprachinseln im germanischen
Kontinuum sowie alle anderen, von denen wir aufgrund fehlender Überlieferung
keine Kenntnis haben, sind untergegangen oder bestehen in einem
anderen sprachlichen Umfeld fort. Ein einziges Beispiel einer slavischen
Sprachinsel in deutscher Umgebung hat bis heute überlebt: das Sorbische. Nur
an ihm läßt sich heute noch diese Inselsituation untersuchen. Dabei ist zunächst
das äußere Verhältnis von Bedeutung, d.h. die Beziehungen des Sorbischen
gegen außen, die Entstehung der Insel und ihre weitere Entwicklung. In einem
zweiten Schritt geht es dann um die innere Situation, d.h. die sprachlichen
Verhältnisse innerhalb der Insel.
19 Vgl, zum Slovinzischen Lorentz 1903.
20 Im Rahmen einer „divide et impera“-Politik wurde in Preußen erstere Position gefördert,
während die polnische Seite auf dem Dialekt-Status des Kaschubischen bestand.
Wegweisend für eine nüchternere Betrachtung der Angelegenheit war ein Beitrag von
Baudouin de Courtenay (1904). Das Problem der Zuordnung und Benennung von
„Sprachen“ ist fast allgegenwärtig. Dies hängt mit der traditionellen Vorstellung vom
Nationalstaat zusammen: ein Staat - ein Volk - eine Sprache. Vgl. zu diesem Problem
Goebl 1979 mit zahlreichen Beispielen.
21 Ob es sich um Diglossie oder Bilingualismus (bzw. Triglossie/Trilingualismus)
handelt(e), ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung. Die frühere Situation des
Kaschubischen läßt sich jedenfalls am besten mit dem Begriff der Zweieinhalbsprachigkeit
(asymmetrische Dreisprachigkeit) erfassen (vgl. Kramer 1996).
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