Das Dravänopolabische ist durch Aufzeichnungen von Sprachmaterial verhältnismäßig
gut überliefert, allerdings erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts.
Es wurde vor allem im religiösen Brauchtum (außerhalb der Kirche, die zu
diesem Zeitpunkt bereits vollständig deutschsprachig war) bewahrt. Die
erhaltenen Aufzeichnungen belegen, daß die Sprache, insbesondere im Bereich
der Lexik, schon sehr stark vom Deutschen beeinflußt war und daß man schon
fast von einer deutsch-slavischen Mischsprache reden kann. Soweit erkennbar,
ist der Sprachwechsel ohne größere Widerstände (und übrigens wohl auch ohne
größere obrigkeitliche Gewaltanwendung) vor sich gegangen; allein die Stigmatisierung
des „Wendischen“ als rückständig und „abergläubisch“ sowie seine
Verdrängung aus dem öffentlichen Sprachgebrauch (Amt, Kirche, Schule)
scheinen den Sprachwechsel innerhalb kürzester Zeit herbeigeführt zu haben.
1.2.2. An das Polabische schloß sich im Osten das Pomoranische an.* 17 Es ist
bis auf seine östlichsten Überreste, das Kaschubische, ausgestorben, und zwar
schon relativ früh. Zum größten Teil kann es deshalb nur aus Namenmaterial
erschlossen werden. Zwei Sprachinseln konnten sich aber lange halten: das
Slovinzische und das Kaschubische,18
1.2.2.1. Das Slovinzische wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein in einigen
Dörfern zwischen Leba- und Garde-See und um letzteren herum gesprochen
(d.h. in Teilen der Kirchspiele Garde und Schmolsin), befand sich also im
wesentlichen in deutschsprachiger Umgebung; im Osten grenzte es z.T. an
kaschubische Sprachinseln. Es hat eine bescheidene schriftliche Tradition für
kirchliche Zwecke entwickelt, die allerdings sehr stark vom Polnischen
beeinflußt ist. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es kaum mehr aktiv
gebraucht: Lorentz schätzte 1903 die Sprecherzahl auf 200 - 250 Personen, die
aber die Sprache meist nur noch mangelhaft beherrschten. Die ursprünglich im
!6 Zum Dravänopolabischen vgl. die Arbeiten von Reinhold Olesch, jetzt gut zugänglich in
Olesch 1989, und darüber hinaus insbesondere den Thesaurus Linguae Dravaenopolabicae
(Olesch 1983-87). Eher als Kuriosum sei vermerkt, daß Olesch auf dem VII.
Internationalen Slavistenkongreß in Warschau 1973 einen Vortrag auf Polabisch gehalten
hat und damit die Sprache, wenn auch kurzfristig, wieder „zum Leben erweckte“ (Olesch
1998).
17 Die Trennung zwischen Pomoranisch und Polabisch wird unterschiedlich angesetzt.
Herrmann 1985, 52, läßt das polabische Sprachgebiet bis zur Oder reichen, während
sonst meist nur die Slaven an der Elbe als Polaben bezeichnet werden. Letztere Position
ist auch etymologisch gestützt, wie die deutschen Entsprechungen „Elbslavisch“ (=Polabisch)
und „Pomoranisch“ (= Ostseeslavisch) zeigen.
18 Mit den Sprachbezeichnungen ist hier auf die unterschiedliche schriftsprachliche
Überlieferung Bezug genommen. Ob es sich bei Slovinzisch und Kaschubisch um zwei
unterschiedliche „Sprachen“ handelt, ist in diesem Zusammenhang unerheblich.
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