Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

sogar  darüber  hinaus,  im  Süden  bis  weit  in  die  Peloponnes  (vgl.  Abb.  I).12  Die
weitere  Entwicklung  verlief  unterschiedlich  im  Westen  und  Süden  einerseits,
im  Norden  und  Osten  andererseits.  Im  Süden  und  vor  allem  im  Westen  wich
das  slavische  sprachliche  Kontinuum  zurück,  im  Norden  und  ganz  ausgeprägt
im  Osten  dehnte  es  sich  weiter  aus.
1.1.  Besonders  aufschlußreich  für  die  Sprachinselproblematik  ist  die
Entwicklung  des  slavischen  Kontinuums  im  Westen.  Hier  kam  es  ab  dem  10.
Jahrhundert  zu  einer  kontinuierlichen  Verschiebung  der  Grenze  zwischen  slavischem
  und  germanischem  Kontinuum  nach  Osten.13  Erst  durch  die  Festlegung
neuer  politischer  Grenzen  und  die  Angleichung  sprachlicher  Grenzen  an
politische  durch  Vertreibung  und  Umsiedlung  im  Gefolge  des  zweiten
Weltkriegs  ergab  sich  erstmals  wieder  eine  Verschiebung  der  Grenze  zwischen
den  Kontinua  nach  Westen.  Diese  Grenze  dürfte,  da  sie  heute  mit  staatlichen
Grenzen  zusammenfällt,  verhältnismäßig  stabil  sein  (vgl.  Abb.  2).14
1.2.  Die  Ostverschiebung  der  Grenze  zwischen  den  Kontinua  im  Laufe  der
Jahrhunderte  erfolgte  in  der  Regel  ohne  gewaltsame  Maßnahmen,  d.h.  also
durch  allmählichen  Sprachwechsel  über  mehrere  Generationen  hinweg.  Dabei
ist  davon  auszugehen,  daß  es  bei  diesem  Prozeß  immer  wieder  zur  Bildung  von
Sprachinseln  gekommen  ist.15  Die  meisten  dieser  Sprachinseln  sind  im  Laufe
der  Entwicklung  durch  Sprachwechsel  aufgelöst  worden,  ohne  daß  sie  genauer
beschrieben  worden  wären.  Nur  in  vier  Fällen  verfügt  man  über  einigermaßen
verwertbare  Informationen  zu  slavischen  Sprachinseln  innerhalb  des  germanischen
  Kontinuums:  beim  Dravänopolabischen,  Slovinzischen,  Kaschubischen
und  Sorbischen  (vgl.  Abb.  2).
1.2.1. Das  Dravänopolabische  ist  der  westlichste  Ausläufer  des  Polabischen.
Dieses  ist  zum  größten  Teil  schon  so  früh  untergegangen,  daß  von  ihm  keine
Aufzeichnungen  erhalten  sind.  Im  hannoverschen  Wendland  konnte  sich  aber
eine  slavische  Sprachinsel,  das  Dravänopolabische,  bis  ins  18.  Jahrhundert  hinein
  halten,  wobei  es  noch  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts  in  vereinzelten
Dörfern  auch  von  Jugendlichen  gesprochen  wurde,  die  allerdings  alle  bereits
zweisprachig  waren.  Die  letzte  sicher  belegte  Sprecherin  des  Dravänopolabischen
  ist  1756  gestorben.

12  Die  Abbildungen  wurden  von  M.  Helfer,  Saarbrücken,  angefertigt,  dem  ich  dafür  zu
Dank  verpflichtet  bin.  Grundlage  für  Abb.  1  ist  die  Wandkarte  Ladogörski  1980.
13  Zu  den  politischen  Verhältnissen  und  ihrer  Entwicklung  in  den  Gebieten  westlich  von
Oder  und  Neiße  vgl.  die  materialreiche,  aber  tendenziöse  Darstellung  bei  Herrmann  1985.
14  Grundlage  für  die  Darstellung  der  Ausdehnung  des  deutschen  Sprachgebiets  ist  die  Karte
bei  Behaghel  1911.
13  Darauf  deuten  etwa  die  in  diesem  Gebiet  recht  zahlreichen  Ortsnamen  mit  dem  Bestandteil
„Wendisch-“  bzw.  „Deutsch-“  hin.

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