Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

allein  sind  unumstritten,  und  ihre  Anerkennung  ist  unabhängig  von
außersprachlichen  Gegebenheiten.^
Um  die  Nachvollziehbarkeit  der  Zuordnung  kultureller  Erscheinungen  zu
gewährleisten,  werde  ich  deshalb  im  folgenden  dem  Problem  der  „Mischkultur“
vor  allem  auf  dem  Gebiet  der  sprachlich  ausgedrückten  Kultur  nachgehen.  Um
die  Eindeutigkeit  der  sprachlichen  Grenze  sicherzustellen,  ist  ein  Gebiet  gewählt,
  wo  zwei  Kontinua  aufeinanderstoßen,  nämlich  das  germanische  und  das
slavische.  Dabei  beschränke  ich  mich  auf  slavischsprachige  Inseln  im  germanischen
  Kontinuum,  da  diese  in  der  Regel  Überreste  sind,  während  die  germanischsprachigen
  (und  das  heißt  fast  ausschließlich  deutschsprachigen)  Inseln
im  slavischen  Kontinuum  meist  das  Ergebnis  neuerer  Siedlungsbewegungen
darstellen  und  heute  ohnehin  zum  größten  Teil  verschwunden  sind.
1. Die  Grenzverhältnisse  zwischen  germanischem  und  slavischem  Kontinuum
haben  sich  im  Laufe  der  Zeit  mehrfach  und  zum  Teil  grundlegend  verändert.
Während  es  für  die  frühe  Zeit  nur  Hypothesen  über  eine  germano-baltoslavische
  Gemeinschaft  gibt,  die  auf  gemeinsamen  sprachlichen  Entwicklungen
gründen,  lassen  sich  die  gegenseitigen  Beziehungen  ab  der  Völkerwanderungszeit
  genauer  verfolgen.* 10
Die  Slaven  haben  sich  aus  ihren  früheren  Wohnsitzen,  die  wohl  im  Gebiet  der
Pripjat'-Sümpfe  lagen,  ab  dem  5./6.  Jahrhundert  nach  allen  Richtungen  ausgebreitet.11
  Bei  der  Ausdehnung  nach  Westen  wurden  im  wesentlichen  nicht
oder  nur  dünn  besiedelte  Gebiete  beansprucht,  so  daß  auch  das  geschlossene
slavische  Kontinuum  entsprechend  erweitert  wurde.  Gegen  Süden  wurde  das
Kontinuum  zwar  auch  erweitert,  aber  eine  sprachliche  Einheitlichkeit  der
besiedelten  Gebiete  ergab  sich  daraus  nicht.
Die  größte  Ausdehnung  des  slavischen  Kontinuums  im  Westen  und  im  Süden
war  im  9./10.  Jahrhundert  erreicht.  Im  Westen  reichte  es  bis  zur  Elbe  und

°  Sie  werden  oft  auch  als  Dialektkontinua  bezeichnet  (z.B.  das  romanische  oder  das
slavische  sprachliche  bzw.  Dialektkontinuum).  Im  folgenden  wird  vereinfachend  die
Bezeichnung  „Kontinuum“  verwendet.
9  Als  Beleg  sei  auf  die  sprachliche  Situation  im  ehemaligen  Jugoslavien  hingewiesen.  Hier
ist  heftig  umstritten,  ob  das  Serbokroatische  eine  Sprache  darstelle  (mit  drei  bis  vier
Standardsprachen:  Kroatisch,  Bosnisch,  Serbisch  und  ggf.  Montenegrinisch)  oder
mehrere  und  wo  allenfalls  die  Grenzen  verlaufen,  während  die  Grenze  zum  Albanischen,
das  ein  eigenes  Kontinuum  bildet,  völlig  klar  und  eindeutig  ist.
10  Vgl.  dazu  Trautmann  1947,  5-26.
11  Verhältnismäßig  gut  belegt  ist  die  Expansion  nach  Westen  und  Süden,  während  diejenige
nach  Norden  und  insbesondere  Osten  kaum  Niederschlag  in  Quellen  gefunden  hat.

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