Besonders häufig findet die Inselmetaphorik im Bezug auf „Sprache“ Verwendung.
Auch hier ist die Janusköpfigkeit der Metapher deutlich: zum einen
ist die Sprachinsel eine Zuflucht in einem als fremd empfundenen sprachlichen
Meer, zum andern droht ihr die Gefahr, vom fremden sprachlichen Meer
überflutet zu werden. Die Möglichkeit einer Beziehung zu einem sprachlichen
Mutterland, von dem man im Laufe der Entwicklung getrennt wurde, ist hier
natürlich ebenfalls gegeben.2
0.2. Grenzen, und hier insbesondere die sogenannten linearen Grenzen, haben
nach landläufiger Vorstellung vor allem die Aufgabe, Zusammenhängendes
(und zwar ursprünglich und vor allem räumlich Zusammenhängendes) zu
trennen.3 Gleichzeitig haben Grenzen aber auch eine verbindende Funktion:4 da
sie meist das unmittelbare Zusammentreffen der Menschen auf beiden Seiten
der Grenze auf bestimmte Punkte beschränken (Grenzübergänge), findet dort
der Kontakt gleichsam verdichtet statt.
Bei einer anderen Form von Grenzen, den Grenzräumen (Grenzsaum, Grenzgebiet,
Mark)5 steht das Verbindende noch stärker im Vordergrund: Grenzräume
sind Kontakt- und Mischgebiete par excellence. Das schließt
Konfliktsituationen nicht aus, sondern begünstigt sie vielmehr.6
Die Problematik der Sprachinseln scheint nur in der deutschen Dialektologie eine gewisse
Forschungstradition begründet zu haben (vgl, die einleitenden Bemerkungen in Berend/
Mattheier 1994). Sprachinseln sind dann das Ergebnis von Kolonisationsprozessen, die
eine Sprache in ein anderssprachiges Gebiet hineintragen. Daraus ergibt sich zwangsläufig
das Vorhandensein eines Mutterlandes (vgl. Mattheier 1994, 334, und etwas
weniger apodiktisch Mattheier 1996).
Daneben gibt es aber die umgekehrte Situation, wo die Insel Überrest eines ehemals
geschlossenen Gebiets ist, dessen Bevölkerung die Sprache gewechselt hat. (Hier bietet
sich die Bezeichnung „rezessive Sprachinsel“ an.) In dieser Situation kann ein Mutterland
existieren, muß aber nicht. Letzterer Fall scheint in der Forschung nicht gesondert
thematisiert worden zu sein (Mattheier 1994, 335, schließt ihn sogar ausdrücklich von der
Sprachinselforschung aus).
Vgl. etwa Grimm 1865, 30: „der aneinander hängende liegende grund und boden fordert
eine scheide“.
Unüberwindliche Grenzen scheint es nicht zu geben: Beispiele von der Großen
(chinesischen) Mauer bis zur Berliner Mauer belegen dies.
Das Problem des Verhältnisses von linearen Grenzen und Grenzräumen oder Grenzgebieten
kann hier außer acht bleiben. Vgl. dazu Karp 1989 und Schneider 1994 mit
weiterführender Literatur.
Für sprachlichen Kontakt scheint geradezu der Grundsatz zu gelten, daß Sprachkontakt
immer auch Sprachkonflikt bedeutet (vgl. Neide 1989), wobei die Sprache häufig nur der
Punkt ist, an dem sich der Konflikt entzündet. Neuestes Beispiel dafür sind die
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