Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Roland  Marti

Slavische  Inseln  im  deutschen  Meer  -
Grenzräume  ohne  Grenzen  als  Paradigmen  für
„Mischkultur“?

Precelo,  haj  malka  serbska  zemja
je  a  malki  serbski  narod  jako
kupa  molCka  wosrjedz  wulkoh  morja.
A  ja  tola  kruce  wèrju,  zo
jeho  mócne  zolmy  njepoierja
naSe  serbske  hona,  wsy  a  dwory.

Unser  Land  ist  wirklich  klein,  mein  Freund,

klein  auch  unser  Volk,  das  sorbische,  wie
ein  winzig  Inselchen,  vom  Meer  umspült.
Und  doch,  ich  glaub  es  fest,  niemals

werden  seine  Wogen  überfluten
unsem  Erdstrich,  Dörfer  nicht  und  Höfe.  1

0. Gegenstand  der  folgenden  Ausführungen  ist  eine  besondere  Grenzsituation,
diejenige  der  „Insel“,  und  ein  besonderer  Bereich  von  Kultur,  nämlich  der
durch  „Sprache“  ausgedrückte.  Es  ist  deshalb  zu  klären,  welche  Besonderheiten
diese  Art  der  Grenzsituation  aufweist,  aber  auch,  inwieweit  sprachliche
Gegebenheiten  aussagekräftig  sind  für  Kultur  insgesamt.
0.1.  Die  Inselmetaphorik  wird  im  Zusammenhang  mit  vielen  Erscheinungen
des  menschlichen  Lebens  häufig  gebraucht.  Abgesehen  davon,  daß  der  Mensch
im  Verhältnis  zu  einer  Gruppe  selbst  als  Insel  gesehen  werden  kann,  verstehen
sich  meist  Gruppen,  die  aufgrund  gewisser  gemeinsamer  Merkmale  gebildet
sind  und  die  ein  bestimmtes  Gebiet  in  Anspruch  nehmen,  gegenüber  einer  größeren
  Gemeinschaft,  die  sie  umgibt,  als  Insel.  Man  spricht  etwa  von  „Friedensinsel“,
  „Wohlstandsinsel“  oder  „Insel  der  Ruhe“.  Dabei  ist  die  Metapher
durchaus  doppeldeutig.  Eine  Insel  ist  einerseits  ein  klar  abgegrenzter  Zufluchtsort,
  der  im  Gegensatz  zum  als  feindlich  empfundenen  Meer  Sicherheit
verspricht.  Anderseits  ist  die  Insel  selbst  gefährdet,  da  sie  vom  Meer  erodiert
oder  aber  zumindest  von  Meeresstürmen  in  Mitleidenschaft  gezogen  werden
kann.  Für  letzteren  Strang  der  Inselmetaphorik  ist  bedeutsam,  daß  Inseln  oft  ein
Ergebnis  von  Erosionsprozessen  sind,  welche  ein  Randgebiet  des  Festlandes
über  die  Zwischenstufe  der  Halbinsel  zur  Insel  werden  lassen.  In  diesem
Zusammenhang  ergibt  sich  auch  die  Möglichkeit,  eine  Insel  in  einen
Zusammenhang  mit  einem  „Mutterland“  zu  bringen.

Aus:  Jakub  Bart-Cisinski:  Moje  serbske  wuznace,  Übersetzung  von  Kito  Lorenc  (Lorenc
1981,344-345).

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