Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

Politik und Verwaltung nicht vorgesehen sind.63 Zum anderen hat sich die 
jahrzehntelang kollaudierte Logik der Trennung in das Bewußtsein der 
Menschen so stark eingegraben, daß gemeinsame Aktivitäten oft gar nicht ein¬ 
mal in Betracht gezogen werden. Viele Angehörige der deutschen und italieni¬ 
schen Sprachgruppe blieben infolge der Autonomie durch eine zwar vielfach 
durchlässige, aber stets spürbare Scheidewand voneinander getrennt. Das 
Autonomiestatut sowie die Verteilung von öffentlichen Stellen und Finanz¬ 
mitteln je nach Sprachgruppen förderten den Aufbau ethnischer Separat¬ 
sphären, ebenso die klare Segregation von Sozial- und Lebensräumen. Seit den 
siebziger Jahren zog sich die demographisch rückläufige Gruppe der Italiener, 
die zuvor auch in den Landgemeinden präsent gewesen waren, beinahe 
ausnahmslos in die Städte zurück. Sie konzentrieren sich vorwiegend auf Bozen 
mit seinen inzwischen rund 97.000 Einwohnern64 (1991: 72,59% Italiener, 
Deutsche: 26,62%, Ladiner 0,79%). 
Ermutigend bleibt allemal, daß auf der Ebene der „Subpolitik“ trotzdem eine 
Fülle von Begegnungschancen genützt wird: Im Bereich ökonomischer Zu¬ 
sammenhänge, kultureller Initiativen, in der privaten Sphäre der Ehe¬ 
schließungen zwischen den Sprachgruppen65 und nicht zuletzt in der öf¬ 
fentlichen Verwaltung, wo allein in Bozen rund 10.000 Südtiroler aller Sprach¬ 
gruppen Zusammenarbeiten und kommunizieren, bestehen wichtige Ansätze 
interkulturellen Lernens. Das Land und seine Gesellschaft stehen, zumal im 
hochverdichteten Laboratorium Bozen, verstärkt vor der Herausforderung, 
ethnopluralistische Varianten eines sanften Nationalismus abzuwehren, die 
durch die aktuelle Vollbeschäftigung mit rund 2,5 % gebändigt werden.66 
Die erfolgreiche Übung in der Vermeidung gewaltsamer Konflikte könnte in 
verstärkte Kooperation der Sprachgruppen münden, die die politische, ökono¬ 
mische und kulturelle Gunstlage Südtirols und Bozens endlich zur vollen 
Entfaltung bringt.67 
65 Zur aktuellen Situation grundlegend: Baur, Siegfried/von Guggenberg, Irma/Larcher, 
Dietmar: Zwischen Herkunft und Zukunft. Südtirol im Spannungsfeld zwischen ethnischer 
und postnationaler Gesellschaftsstruktur. Ein Forschungsbericht, Meran 1998. 
64 Landesinstitut für Statistik - ASTAT (Hg.): Gemeindedatensammlung 1995, Bozen 
1998, S. 28. 
65 Vgl. Weber-Egli, Daniela: Gemischtsprachige Familien in Südtirol/Alto Adige, Meran 
1992. 
66 Autonome Provinz Bozen - Südtirol, Abteilung Arbeit (Hg.): Arbeitsmarktbericht 
Südtirol 1998, Bozen 1999. 
67 Hierzu auch: Heiss, Hans: „Der ambivalente Modellfall: Südtirol 1918-1998“, in: 
Wörsdörfer, Rolf: Sozialgeschichte und soziale Bewegungen in Italien 1848-1998. 
Forschungen und Forschungsberichte, Bochum 1998 (Mitteilungsblatt des Instituts zur 
Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung, 21/1998), S. 225-241. 
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