wurde. Das international verankerte Statut sicherte der „Autonomen Provinz
Bozen-Südtirol“ eine Reihe von primären, nicht von staatlichen Normen abgeleiteten
Zuständigkeiten.56 In den Sektoren Landwirtschaft, Handel, Handwerk,
Fremdenverkehr und Industrie, aber auch im Schlüsselbereich Wohnbau erhielt
der Südtiroler Landtag volle gesetzliche Kompetenz. Hinzu kamen Jagd und
Fischerei, öffentliche Arbeiten, Transport- und Kommunikationswesen sowie
weitgehende Autonomie in Schule und Kultur. Ab 1972 erließ die römische
Regierung sog. „Durchführungsbestimmungen“ zu den einzelnen Artikeln der
Südtirol-Autonomie, die zuvor in einer paritätischen Kommission deutscher
und italienischer Mitglieder formuliert wurden. Auf der Grundlage der
Durchführungsbestimmungen erließ der Südtiroler Landtag dann einschlägige
Landesgesetze, die nach Überprüfung durch die Zentralregierung in Kraft traten.
Auch die Finanzlage der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol entwickelte sich
durch erhebliche staatliche Zuweisungen weitaus besser als jene der meisten anderen
italienischen Provinzen. Die Mittelvergabe erfolgte zunächst nach einem
eigenen Schlüssel, bis sie ab 1989 an das Steueraufkommen des Landes gekoppelt
wurde; dadurch verblieben faktisch sämtliche Steuereinnahmen im
Südtiroler Landeshaushalt. Mit der sprunghaften Ausweitung der Autonomie
und des Proporzes, der Besetzung öffentlicher Stellen nach der Stärke der drei
im Lande lebenden und im Autonomiestatut angegebenen Sprachgruppen,
wurde die bisher praktizierte, systematische Nicht-Berücksichtigung deutschund
ladinischsprachiger Bewerber schrittweise abgebaut, sodaß in 25 Jahren ein
Ausgleich weitgehend erreicht wurde.57
Nach politisch frostigen Jahrzehnten wirkte die Epoche 1972-1976 auf Südtirol
wie ein „warmer, heiterer Mai“ (C. Gatterer).58 Niemals zuvor oder danach
war das soziale und ethnische Klima der kleinen Region so günstig wie in den
Mittsiebzigem, überwölbt durch einen Schub sozialer Reformen und kulturellen
Aufbruchs in ganz Italien. Deutschsprachige Südtiroler, Ladiner und Italiener
erprobten in diesen Jahren intensiv Möglichkeiten wechselseitigen Kontakts und
gegenseitiger Kooperation. Ein „interethnisches Modell Südtirol“ schien greifbar
nahe, zusätzlich gesichert durch ein nachholendes „Wirtschaftswunder“, das
den Lebensstandard und die Konsumorientierung breiter sozialer Schichten erweiterte.
56 Vgl. Autonome Provinz Bozen-Südtirol. Das neue Autonomiestatut, hrsg. vom Südtiroler
Landesausschuß Bozen, Bozen 71990.
57 Vgl. Alcock, Anthony; Geschichte der Südtirolfrage. Südtirol seit dem Paket, Wien
1982.
58 Eindringliche Beschreibung der verbesserten Situation bei Berghold, Joe: Italien-Austria.
Von der Erbfeindschaft zur europäischen Öffnung, Wien 1997, S. 232-239.
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