(MSI) betroffen, der in Bozen über Jahrzehnte hinweg eine starke
Wählerbasis und ein geschlossenes Milieu ausgebildet hatte, die genuin
demokratische Parteien wie die Democrazia Cristiana (DC) oder die
Linksformationen (PCI, PSI) immer wieder unter Druck und nationalen
Legitimationszwang setzten. Nach dem MSI-Höhenflug der frühen sechziger
Jahre unter dem Eindruck von Attentaten und Südtirolfrage zeichnete
sich seit 1967 ein überraschender Einbruch der rechtslastigen Formation
ab. Unter dem Eindruck des weltweiten Vormarschs der Linken büßte der
nationale Kleinkrieg vor Ort an Zugkraft ein; zudem ließ die Pflicht zum
Internationalismus innerhalb der neuen sozialen Bewegungen die
Verständigungsbereitschaft auch in Bozen wachsen und nationalistische
Positionen als rückständig erscheinen.
2. Auf deutschsprachiger Seite gaben alte Verhärtungen um 1970 gleichfalls
nach, wenn auch ungleich vorsichtiger und unter dem Diktat ethnischer
Geschlossenheit. Die sich abzeichnende Lösung in der Frage der
Autonomie Südtirols, die sich zwar erst mit dem neuen Autonomiestatut
1972 vollendete, aber bereits 1969 unumkehrbar war, ermutigte in Bozen
vor allem Jugendliche zum Dialog mit Gleichaltrigen der italienischen
Sprachgruppe. Die Gründung der kulturpolitischen Zeitschrift „die
brücke“ (1967-1969), in die bald auch italienische Artikel aufgenommen
wurden, signalisierte für Bozen neue Öffnungstendenzen zumindest im
studentisch-bildungsbürgerlichen Milieu. Und als am 4. November 1968,
dem 50. Jahrtag des italienischen Sieges bei Vittorio Veneto, deutsche und
italienische Jugendliche gemeinsam eine kleine Antidemonstration gegen
die große Jubiläumskundgebung von Behörden, Militär und Veteranenverbänden
vor dem Bozner Siegesdenkmal abhielten, war dies ein
wichtiges Symbol dafür, daß die bisherige Vergangenheitspolitik und die
nationalistischen Engführungen zumindest von einer Minderheit auf
beiden Seiten als obsolet empfunden wurde. Wie mühsam sich die beginnende
Öffnung jedoch auch unter aufgeschlossenen Jugendlichen anließ,
äußert sich plastisch in der Erinnerung des aus dem ländlichen Raum
stammenden Hansjörg Viertier (* 1951), der sich 1968 immerhin an der
deutschen Handelsoberschule in Bozen politisch engagierte, dabei aber innerhalb
seiner eigenen Sprachgruppe gebunden blieb: „[...] ich habe überhaupt
keine italienischen Freunde in Bozen gehabt, wir haben in einer
Abgeschiedenheit gelebt, die nicht viel besser war als zu Hause in Sexten.
Wir haben uns zum Beispiel nicht mal in die Bozner Industriezone getraut,
die war tabu für uns.“55
In den Jahren nach Inkrafttreten des neuen Autonomiestatus (31. August 1972)
setzte in Südtirol ein breiter Aufbruch ein, der vor allem in Bozen verspürt
„Weihnachtswunsch: „Das Kapital“ von Karl Marx“, in: Tageszeitung, 30. 12. 1998, S.
15.
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