lieh war.52 * Bereits um 1965 hatten die Fragen der Ethnopolitik unter dem
Eindruck wachsender Prosperität, die sich in zunehmendem individuellem
Wohlstand und neuen Lebensstilen äußerte, auf der Ebene von Alltag und
Gesellschaft an Zugkraft verloren.
Das italienischsprachige Bozen, zumal die Arbeiter- und Gewerkschaftsmilieus
um das Industriegebiet, rezipierten ab 1966 zudem erstaunlich prompt die gesamtstaatliche
Aufbruchsstimmung der linken Parteien, Gewerkschaften und
der neuen sozialen Bewegungen.55 Die Aktivierung stand in engem Zusammenhang
mit dem Transformationsprozeß der italienischen Gesellschaft und
folgte einem zweifachen Impuls:
1. Bozens prosperierendes Industriegebiet, die „Zone“, war in die italienweite
Mobilisierung der Arbeiterschaft voll einbezogen. Die im nationalen
Maßstab vorangetragene Forderung von Millionen Industriearbeitern - vor
allem des Metallsektors - nach Lohnerhöhung, nach Senkung der
Arbeitszeit, nach Ausweitung von Urlaub und Koalitionsrecht, des
Bildungsanspruches sowie auf Beseitigung der nach Regionen gestaffelten
Lohnkategorien wurde in Bozen ohne Zeitverzögerung aufgegriffen.54
Bereits 1962 erlebte die Stadt eine massive Zunahme gewerkschaftlicher
Agitation, die von der örtlichen Lancia-Niederlassung ausging. Die erste
Mobilisierungsphase verebbte in der Rezession Mitte 1964, ihr folgte jedoch
im Herbst 1966 eine zweite Streikwelle, die zwar 1967 verflachte,
aber bereits in den „autunno caldo“, den „Heißen Herbst“ des Jahres 1969
mit seinen massiven Streik- und Protestbewegungen vorauswies.
Italienische Jugendliche und viele Erwachsene erlebten die Bozner
Streikwellen als integrierenden Bestandteil ihrer Lebenswelt und ihres
Herkunftsmilieus. Die nach Tausenden zählenden, streikenden Arbeiter
waren meist italienischsprachiger Herkunft, sodaß das italienische Bozen
von ihrer Aufbruchs- und Kampfstimmung förmlich elektrisiert war. Die
Ablehnung des „stato capitalista“ und der „classi borghesi“ vereinte
Arbeiter, aber auch Kleinbürger und eine Minderheit der Beamtenschaft in
einem Prozeß anlaufender Klassenbildung und neuer Vergesellschaftung.
In diesem Transformationsschub lockerten sich ethnische Zuschreibungen
und lange wirksame Bindungen an das politisch rechte Parteienspektrum.
Davon war vor allem der neofaschistische „Movimento Sociale Italiano“
52 Vgl. Heiss, Hans: „Bewegte Gesellschaft: Südtirol 1968“, in: Geschichte und
Region/Storia e regione 7 (1998), S. 57-100, vor allem S. 76-81.
52 Einführend Kurz, Jan: „Die italienische Studentenbewegung 1966-1968“, in: Gilcher-Holthey,
Ingrid (Hg.): 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft,
Göttingen 1998 (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 17), S. 64-81, Grundlegend
zur italienischen Situation: Tarrow, Sidney: Democracy and Disorder. Protest and
Politics in Italy 1965-1975, Oxford 1989.
54 Vgl. Accomero, Aris u. a. (Hg.), Movimento sindacale e società italiana, Milano 1977.
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