Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

vermied.  Zugleich  hatten  sich  auf  persönlicher  Ebene,  unterhalb  der  medial
aufgeheizten  Öffentlichkeit,  seit  langem  stabile  Kontakte  entwickelt,  sodaß
viele  Italiener  persönlich  erleichtert  feststellten,  daß  die  meisten  Südtiroler
zwar  die  staatliche  Politik  der  Autonomieverweigerung  ablehnten,  aber  in
Bozen  selbst  nur  in  wenigen  Fällen  mit  den  Attentätern  sympathisierten.
Ausgeprägtere  Sympathie  und  Unterstützung  als  in  der  Landeshauptstadt  fanden
die  Anschläge  und  ihre  Akteure  in  den  Dörfern  Südtirols,  zumal  im  Unterland,
der  kleinen  Grenzregion  gegen  die  Provinz  Trient.
Die  Zuspitzung  der  Südtirolfrage  hielt  zwar  einige  Jahre  an,  verflachte  jedoch
nach  1964  allmählich.  Spätestens  seit  diesem  Jahr  stand  die  Lösungsbereitschaft
der  Konfliktpartner  Italien  und  Österreich,  das  Südtirol  als  Schutzmacht  zunehmend
  wirkungsvoll  vertrat,  unverrückbar  fest.  In  Italien  vollzogen  die  demokratischen,
  reformorientierten  Regierungen  des  Mitte-Links-Bündnisses,  des
Centro  Sinistra,  seit  1963  eine  entschiedene  Abkehr  vom  autoritär-minderheitenfeindlichen
  Kurs  ihrer  Vorgängerkabinette.
Vor  allem  Außenminister  und  Ministerpräsident  Aldo  Moro  (1916-1978)  ging
auf  die  Südtiroler  Forderungen  nach  umfassender  Provinzialautonomie,  ohne
den  lähmenden  Einfluß  Roms  und  Trients,  zunehmend  ein.
In  der  Politik  war  insgesamt  eine  neue,  lösungsorientierte  Generation  angetreten.
  Zudem  gebot  der  gesellschaftliche  Reformstau,  unter  dem  Italien  in  den
Krisenjahren  seines  Wirtschaftswunders  (1964-1966)  litt,  obsolete  und  im
Grunde  zunehmend  nebensächliche  Krisenherde  wie  Südtirol  endlich  zu  bereinigen.51

Der  gesamtstaatlich  einsetzende  Prozeß  der  Regionalisierung,  der  Druck
Österreichs  und  das  demokratische  Verantwortungsbewußtsein  maßgebender
Politiker  wie  Aldo  Moro  oder  des  Südtirolers  Silvius  Magnago  bahnten  den
Weg  zur  zweiten,  umfassenden  Südtirolautonomie  von  1972.  Kaum  eine  andere
Minderheit  in  Europa  genießt  seither  derart  weitreichende  Befugnisse  der
Autonomie  und  Selbstverwaltung,  auf  der  Grundlage  eines  hochdotierten
Landeshaushalts.

VI. 1968-1985
In  der  Stadt  Bozen  zeichnete  sich  bereits  lange  vor  den  siebziger  Jahren  durch
den  Kulturbruch  von  „1968“  ein  Wandel  des  politischen  und  sozialen  Klimas
ab,  der  für  eine  Provinzstadt  von  knapp  100.000  Einwohnern  durchaus  beacht¬51



Vgl.  Ginsborg,  Paul:  Storia  d'Italia  dal  dopoguerra  a  oggi.  Società  e  politica  1943-1988,
Torino  1989,  sowie  auf  regionaler  Ebene  Gatterer:  Kampf  gegen  Rom,  S.  1241-1274.

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