ges Vermitteln von Positionen kamen auch dann nicht zum Stillstand, als sich
das Verhältnis zwischen dem römischen Zentralstaat und der deutsch- und ladinischsprachigen
Minderheit 1955-1964 dramatisch verhärtete.
Rom war es zunächst erfolgreich gelungen, die bescheidene Südtirol-Autonomie,
die 1948 vom Parlament als Verfassungsgesetz verabschiedet worden
war, auszuhöhlen. Immer wieder wurde ihre Durchführung blockiert und
bürokratisch unterlaufen, zugleich wurde die Zuwanderung aus den „Alten
Provinzen“, die bereits vor 1919 zu Italien gehört hatten, gefördert.
Wiederum war Bozen das erste und oft dauerhafte Ziel der italienischen
Immigration in die Provinz. Die Konjunktur der Industrie zog Millionen von
Arbeitssuchenden aus dem Süden in die nördlichen Regionen der Halbinsel,45
und Bozen mit seinem Industriegebiet war eine nicht unbedeutende Anlaufstelle.
Der römischen Regierung bot die in nationalem Maßstab ab 1950
massiv anlaufende Binnenwanderung in nördliche Richtung eine willkommene
Chance zur demographischen Bereinigung des leidigen Südtirolproblems. Ziel
war eine italienischsprachige Mehrheit in der Provinz Bozen, wobei die
Landeshauptstadt Angelpunkt dieser Bestrebungen war. Aus diesem Grund
pumpte der Staat erhebliche Wohnbauförderungen nach Bozen und erhöhte
drastisch die Zahl der Volkswohnbauten. Vordergründig ließ sich dies unter
Verweis auf die sozioökonomische Entwicklung Italiens und die verfassungsmäßig
garantierte Freizügigkeit auf nationalem Territorium gut begründen,
ohne das wichtige Motiv einer erwünschten italienischen Majorisierung
Südtirols offenzulegen.46
1946 bis 1955 wuchs die Bozner Bevölkerung von 61.778 auf 76.906
Einwohner an, entsprechend einem rapiden Wachstum von über 2% jährlich.
Der Zuwachs ging gewiß auf erhebliche Gewinne durch Zuwanderung aus anderen
Provinzen zurück (diese wurde auf über 9.000 geschätzt), vor allem aber
auf die starken Geburtenraten der Nachkriegszeit, den nachholenden Babyboom,
der bis Ende der sechziger Jahre anhielt. Der Streit um die reale
Dimension der Zuwanderung nach Bozen und Südtirol hielt während der gesamten
fünfziger Jahre an.47 Auf deutschsprachiger Seite wurde für die Jahre
45 Vgl. Lepre, Aurelio: Storia della prima Repubblica. L'ltalia dal 1942 al 1992, Bologna
1993, S.173-176.
46 Vgl. zum politischen Hintergrund die Anmerkungen von Steininger Rolf: Südtirol
zwischen Diplomatie und Terror 1947-1969, 3 Bände, Band 1: 1947-1969, Bozen 1999
(Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 6), S. 233-235. Zum demographischen
Kontext grundlegend Leidlmair, Adolf: Bevölkerung und Wirtschaft in Südtirol,
Innsbruck 1958 (Tiroler Wirtschaftsstudien 6), S. 55.
47 Hierzu abwägend: Mezzalira, Giorgio: „Der „ethnisch fremde Süden“. Die italienischen
Einwanderer in der Nachkriegszeit“, in: Holzer u. a. (Hg): Nie nirgends daheim, S. 201-215.
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