Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Insgesamt  prägte  die  Präsenz  des  Lagers  Bozen  mit  einheimischen  Bewachern
nachdrücklich  das  Bild  der  italienischen  Anrainer  von  Deutschland  und  den
Deutschen,  wobei  es  zugleich  zur  Ausbildung  des  Stereotyps  der  Südtiroler  als
Handlanger  des  NS-Regimes  beitrug.
Die  achtzehn  Monate  deutscher  Besatzung  von  September  1943  bis  Mai  1945
trieben  einen  raschen  Prozeß  ethnischer  Selbstzuschreibung  voran.39  Zugleich
verfestigte  sich  aber  auch  die  Auffassung,  die  Folgen  der  21-jährigen
Herrschaft  des  Faschismus  in  Südtirol  (1922-1943)  wären  durch  die  der  zwanzig
  Monate  währenden  deutschen  Besatzung  der  Provinz  Bozen  vollauf  ausgeglichen
  worden.  Der  8.  September  und  die  darauf  folgende  deutsche
Besatzungs-  und  Terrorherrschaft  in  Italien  galten  vielen  Italienern  seither  als
Bezugspunkt  der  Selbstexkulpation,  als  Generalabsolution  für  die  eigene
Mitverantwortung  am  Faschismus.40
Noch  vor  kurzem  brachte  eine  italienische  Politikerin  in  Bozen  diese
Auffassung  deutlich  genug  auf  folgenden  Nenner:  „Mit  dem  8.  September  1943
und  seinen  Folgen  haben  wir  für  die  Verletzung  der  Rechte  der  Südtiroler  vor
50  Jahren  mit  Zins  und  Zinseszins  bezahlt“.41  Bis  heute  wird  auf  deutschsprachiger
  und  italienischsprachiger  Seite  der  jeweilige  Konsens  mit  dem  schwarzen
und  dem  braunen  Regime  1922-1945  heruntergespielt  und  damit  einer
Vergangenheitspolitik  Vorschub  geleistet,  die  Vergessen  und  Relativierung  weit
eher  bevorzugt  als  rückhaltlose  Aufarbeitung.42

V. 1946-1967
Trotz  solcher  schwerwiegender  Hypotheken  zeigte  es  sich  nach  1945,  daß  die
Chancen  der  Kooperation  zwischen  den  Volksgruppen  in  Bozen  und  Südtirol
nicht  grundsätzlich  verbaut  waren.  Obwohl  auf  beiden  Seiten  eine  Fülle  von
Ressentiments  weiterschwelte  und  die  Erinnerung  an  Verfolgung,  Übergriffe
und  Schikanen  lebendig  blieb,  brachte  der  ab  1945  einsetzende  Demokrati¬39

 Hierzu  grundlegend  Klinkhammer,  Lutz:  Zwischen  Bündnis  und  Besatzung.  Das
nationalsozialistische  Deutschland  und  die  Republik  von  Salò  1943-1945,  Tübingen
1993;  italienische  Ausgabe:  L'occupazione  tedesca  in  Italia  1943-1945,  Torino  1993.  Zur
Situation  Südtirols  die  Sonderhefte  der  Zeitschriften:  Geschichte  und  Region/Storia  e
regione  3  (1994)  und  Der  Schiern  68  (1994)  sowie  Stuhlpfarrer,  Karl:  Die  Operationszonen
  „Alpenvorland“  und  „Adriatisches  Küstenland“  1943-1945,  Wien  1969.
411  Vgl.  hierzu  Collotti,  Enzo/Klinkhammer,  Lutz:  Il  fascismo  e  l’Italia  in  guerra.  Una
conversazione  fra  storia  e  storiografìa,  Roma  1996,  vor  allem  S.  11-24.
41  II  mattino,  25.  11.  1996,  S.  7  (Orig,  in  Italienisch,  Übersetzung  des  Vf.).
42  Vgl.  Heiss,  Hans:  „Regionale  Zeitgeschichten.  Zur  Differenzierung  der  zeithistorischen
Forschung  Tirols  und  Südtirols  seit  1986“,  in:  Geschichte  und  Region/Storia  e  regione  5
(1996),  S.  267-313,  hier:  S.  282-285.

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