Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Mitgliedschaft  bei  der  Partei  oder  der  soziale  Status  der  persönlichen
Herkunft.“35  Derartige  Scheidelinien  blieben  freilich  außerhalb  der  Wahrnehmung
  vieler  deutschsprachigen  Bozner,  denen  alle  „Walschen“  gleich  viel
oder  gleich  wenig  galten.
Der  Krieg  brach  die  Chancen  gegenseitigen  Ignorierens  gewaltsam  auf.  1939-41
  verließen  Tausende  von  deutschen  Boznem  ihre  Stadt  und  wanderten  ins
Großdeutsche  Reich  ab.  Der  Exodus  erwuchs  nicht  als  Reaktion  auf  die  wachsende
  Umgestaltung  Bozens,  sondern  war  vielmehr  die  Folge  einer  jener
Bevölkerungstransfers,  die  die  NS-„Umvolkungspolitik“  vielfach  in  Gang
setzte.  Am  23.  Juni  1939  hatten  deutsche  und  italienische  Delegierte  unter
Vorsitz  des  Reichsführers  SS  eine  „endgültige“  Lösung  des  leidigen  Problems
Südtirol  vereinbart,  die  sogenannte  „Option“.  Die  Berliner  Vereinbarung  und
ihre  späteren  Durchführungsmaßnahmen  sahen  folgendes  vor:36
Die  deutschsprachige  Bevölkerung  des  Landes  sollte  sich  dafür  entscheiden,  ob
sie  weiterhin  in  Italien  verbleiben  oder  ob  sie  für  die  deutsche  Staatsbürgerschaft
  optieren  und  ins  Reich  abwandem  wollte.  Bis  zum  31.  Dezember
1939,  der  für  einen  Großteil  der  Bevölkerung  als  Optionsfrist  galt,  entschieden
sich  weit  über  80%  der  optionsberechtigten  Erwachsenen  Südtirols  für
„Deutschland“.  Dafür  gab  es  vielfache  Gründe:
Seit  1935  waren  viele  Südtiroler  fasziniert  vom  deutschen  Aufstieg  und  den
blendenden  Erfolgen  der  NS-Revisionspolitik:  So  wurde  die  Rückgliederung
des  Saarlandes  1935  fasziniert  verfolgt,  enthusiastisch  gefeiert  und  mit  dem
zündenden  Slogan  begleitet:  „Heute  die  Saar,  wir  über’s  Jahr“.
Wichtiger  als  das  ideologische  und  volkstumspolitische  Amalgam  von
Nationalsozialismus,  Deutschtum  und  Heimat  wog  jedoch  für  viele  Südtiroler
als  Motiv  der  Abwanderung  die  seit  20  Jahren  dauernde  italienische  Herrschaft
über  Südtirol.  Ihr  Charakteristikum  war  nicht  der  politische  Terror,  sondern
eine  Mischung  aus  Überwachung,  bürokratischem  Mismanagement  (zumal  im

35  Romeo,  Carlo:  „Eine  Fabrik  in  „Neu-Bozen“.  Arbeitererfahrungen  bei  der  Lancia  (1937-1945)“,
  in:  Holzer,  Anton  u.  a.  (Hg.):  Nie  nirgends  daheim.  Vom  Leben  der  Arbeiter  und
Arbeiterinnen  in  Südtirol,  Bozen  1991,  S.  81-96,  hier:  81.
36  Hierzu  vor  allem  Stuhlpfarrer,  Karl:  Umsiedlung  Südtirols  1939-1940,  2  Bde.,  Wien-München
  1985;  Eisterer,  Klaus/Steininger  Rolf  (Hg.):  Die  Option.  Südtirol  zwischen
Faschismus  und  Nationalsozialismus,  Innsbruck  1989  (Innsbrucker  Forschungen  zur
Zeitgeschichte,  5);  Messner,  Reinhold  (Hg.):  Die  Option.  1939  stimmten  86  Prozent  für
das  Aufgeben  ihrer  Heimat.  Warum?  Ein  Lehrstück  in  Zeitgeschichte,  München-Zürich
1989.  Erhard,  Benedikt  (Red.):  Option-Heimat-Opzioni.  Eine  Geschichte  Südtirols.
Katalog  zur  Ausstellung  des  Tiroler  Geschichtsvereins  Bozen,  Bozen-Innsbruck  1989.
Beste  Zusammenfassung:  Alexander,  Helmut/Lechner,  Stefan/Leidlmair,  Adolf:
Heimatlos.  Die  Umsiedlung  der  Südtiroler,  Wien  1993.

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