Die Folgen von Immigration, Urbanisierung und städtebaulicher Neugestaltung
Bozens waren unter der deutschsprachigen Bevölkerung ein Rückzug auf sich
selbst, eine markante Segregation, ein weitreichendes Ignorieren der
Zuwanderer und ihrer Lebensverhältnisse. Die Wohnviertel der Immigranten
im Südosten Bozens erhielten im deutschen Volksmund nach 1940 den makabren
Beinamen „Schanghai“: Schanghai, das war weltweit der einzige Zufluchtsort,
wohin Juden, die aus Europa vor dem Holocaust geflüchtet waren,
uneingeschränkt zuwandem durften, und so galt auch in den Augen vieler
deutschsprachiger Bozner das italienische Arbeiterviertel ihrer Stadt als
„Schanghai“, als Fluchtburg der proletarisierten Arbeitermassen der Halbinsel.
Das verächtliche Toponym bündelte die doppelte Stigmatisierung von „Juden“
und „Welschen“ in einzigartiger Weise.
Auf italienischer Seite war die Unkenntnis der örtlichen Situation und der
Verhältnisse der eingesessenen Bevölkerung nicht weniger ausgeprägt: Das
dichte, selbstreferentielle Milieu von Arbeitsplatz, Familie, Kirche, Freizeitorganisationen
und Partei hielt die Zuwanderer in einer Situation der Gleichgültigkeit
gegenüber dem Vorhandenen, das sie nur wenig interessierte -
zumindest vorerst. Viele ärmere Familien kamen über Jahre hinweg - gewiß
auch aus materiellen Gründen - kaum über den Stadtraum hinaus, unternahmen
keinen Ausflug in die Berge, wußten so gut wie nichts über Lebensweise,
Landschaft und Kultur der ihnen so fremden „tedeschi“.
Noch für die Nachkriegszeit erinnert sich der 1945 geborene Marco Ribetto an
die eng gezirkelten „mental maps“ sozialer und ethnischer Abgeschiedenheit:
„In meinen Kindheitserinnerungen war der Weg in die Stadt, über die
Reschenstraße, eine aufregende Sache. Da wir immer in der Siedlung
lebten, war bereits der Spaziergang ins nahe Viertel Oberau wie ein
Ausflug ins Stadtzentrum. Folglich lebte man in der Siedlung nur für sich
und war nur mit dem unmittelbaren Lebensraum gut vertraut.
Man hatte das Gefühl, grundsätzlich außerhalb der übrigen Stadt zu leben,
einschließlich der benachbarten Stadtviertel [,..].“34
Neben dem fehlenden Kontakt zwischen den Sprachgruppen war auch unter den
Italienern Bozens die Differenzierung zwischen einzelnen Milieus ausgeprägt:
Fabrikarbeiter mit guter Fachqualifikation grenzten sich etwa von den
Schichten der Beamten, Staatsangestellten und Selbständigen ab, deren Existenz
durch Beruf und zahlreiche Abhängigkeiten mit den Interessen von Staat und
Regime eng verknüpft war. Die Fabriken, zumal hochqualifizierte Produktionsstätten
der Metallerzeugung wie jene der Lancia, waren „einer der wenigen
Orte, in denen die persönlichen Fähigkeiten im allgemeinen mehr galten als die
34 Bruccoleri, Francesco: La nascita della zona industriale di Bolzano e la sua celebrazione
1935-1939, ungedr. Diss. Università degli Studi di Trento 1998, S. 67, Übersetzung H.
H.
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