Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

durch  intensive  Migrationsströme  aus  Altitalien:  Binnen  weniger  Jahre  zogen
Tausende  Arbeiterfamilien  aus  Oberitalien  nach  Bozen,  die  sich  kurz  nach  der
gravierenden  Wirtschaftskrise  der  Jahre  1930-1934  an  ihrem  neuen  Wohnort
bessere  Existenzchancen  erhofften.  Sie  wurden  kaum  enttäuscht:  Staat  und
Kommune  stellten  vielen  von  ihnen  Eigenheime  zur  Verfügung,  die  wegen  der
damit  verbundenen  kleinen  Liegenschaften  alsbald  als  „semirurali“,  wörtlich  als
„Halblandhäuser“,  bezeichnet  wurden.31  In  kleinen  Grundstücken  hielten  die
Immigranten,  die  zumeist  aus  dem  ländlichen  Veneto  kamen,  unmittelbar  in
Hausnähe  Ziegen  und  Kleinvieh,  zogen  Gemüse  und  machten  in  Südtirol  bislang
  unbekannte  Gemüsesorten  wie  Tomaten  oder  Auberginen  („melanzane“)
heimisch.
Oft  fassungslos,  bisweilen  in  ohnmächtiger  Wut  verfolgten  viele  angesessene
Bozner  die  Verwandlung  ihrer  gewohnten  Lebens-  und  Landschaftsräume.  An
die  Stelle  von  Obstbäumen  traten  in  raschem  Tempo  Fabriken  und  Arbeiterquartiere.

Vor  allem  der  unmittelbare  Stadtraum  wurde  einer  drastischen  Redefinition
unterzogen:  In  geringer  Entfernung  von  der  historisierenden  Altstadt,  auf  dem
Gebiet  der  vormals  selbständigen  Gemeinde  Gries,  erstand  ein  neuer  Stadtteil
mit  großzügigen  Achsen  und  monumentalen  Straßenfronten  in  rationalistischem
Stil.32  Die  städtebauliche  Konzeption  blieb  nicht  auf  Bozen  beschränkt,  sondern
  vollzog  sich  gleichermaßen  in  den  Metropolen  Rom  und  Mailand,  Turin
oder  in  den  Mittelstädten  Lucca  und  Brescia,  ja  sogar  in  den  Kolonien  Tripolis
und  Addis  Abbeba.33  In  Bozen  entstand  der  Corso  Libertà,  die  Freiheitsstraße,
als  glanzvolles  Gegenstück  zur  Laubengasse  und  zugleich  als  ihre  Fortsetzung,
mit  weiträumigen  Straßenachsen,  die  in  das  neue  Industriegebiet  weiterführten.
Die  zwar  ideologisch  besetzte,  aber  unstreitig  hohe  architektonische  Qualität
des  Neuen  vermochte  die  Altbozner  nicht  für  sich  einzunehmen,  waren  sie  doch
verständlicherweise  nicht  in  der  Lage,  die  durchaus  respektvolle  Auseinandersetzung
  zu  würdigen,  mit  denen  die  Architekten  des  neuen  Bozen  auf  den
vorhandenen  Baubestand  von  Spätgotik,  Barock  und  Historismus  reagierten.

industriale  di  Bolzano  dalla  nascita  attraverso  i  decenni“,  in:  La  fabbrica  del  Tempo  (Hg.):
Un  sistema  per  la  città  di  Bolzano.  Aspetti  dell’industrializzazione,  Bozen  1998,  S.  35-41.

31  Hierzu  die  anschauliche  Bilddokumentation  von  Marcelli,  Ennio:  Semirurali...  per  non
dimenticare  ...  um  zu  verstehen,  Bolzano/Bozen  1995.
32  Vgl,  Zoeggeler,  Oswald/Ippolito,  Lamberto:  Die  Architektur  für  ein  faschistisches  Bozen
1922-1942,  Lana  1992,  und  jüngst  Schneider,  Samantha:  „Die  Repräsentationsarchitektur
des  Faschismus  in  Südtirol“,  in:  Der  Schiern  73  (1999),  S.  404-424.
33  Vgl.  Pfammatter,  Ueli:  Moderne  und  Macht.  „Razionalismo":  Italienische  Architektur
1927-1942,  Wiesbaden  1990.

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