Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

gimes.  In  Lebenserinnerungen,  wie  jenen  des  Bozners  Otto  Messner  (*  1926),
ist  die  Ambivalenz  faschistischer  Aktionen  und  jugendlicher  Erfahrung
plastisch  überliefert:
„Ich  beobachtete,  wie  am  Waltherplatz  des  öfteren  mehrere  Lastwagen
standen,  vollbesetzt  mit  Milizionären,  die  fröhlich  ihre  „Manganelli“
(Gummiknüppel)  schwangen.  Der  monumentale  Kopf  ihres  Vorbildes
Mussolini  sah  heroisch  auf  seine  gelehrigen  Jünger  hernieder,  die  genau  an
der  Stelle  standen,  wo  früher  das  Denkmal  unseres  Minnesängers  Walther
von  der  Vogelweide  seinen  Platz  hatte.
Dattoli  (Messners  Schuldirektor,  H.H.)  erkundigte  sich,  wo  denn  die  Fahrt
hinginge.  Er  wurde  informiert,  daß  eine  Strafexpedition  gegen  die
Deutschen  in  die  Täler  stattfände.  Wie  diese  fröhlichen  Expeditionen  der
Faschisten  sich  abspielten,  war  allgemein  bekannt:  Unsere  Bevölkerung
wurde  so  lange  provoziert,  bis  dem  einen  oder  anderen  der  Geduldsfaden
riß,  so  daß  er  ein  unbedachtes  Wort  verlauten  ließ.  Die  Prügel,  die  dann
verabreicht  wurden,  oder  auch  andere  Schikanen  waren  der  „heitere“  Teil
der  faschistischen  Aktion.
Unvergeßlich  bleibt  mir  auch  der  Heilige  Abend  in  einer  späteren  Klasse,
wo  der  inzwischen  als  Direktor  fungierende  Vater  Dattoli  das  Risiko  auf
sich  nahm,  uns  Südtiroler  Kinder  „Stille  Nacht,  heilige  Nacht  ...“  singen
zu  lassen.  Die  feierliche  Atmosphäre  rührte  ihn  so  sehr,  daß  er  sich  seiner
Tränen  nicht  erwehren  konnte.“-9
Messners  Schilderung  präsentiert  Bozen  als  Basis  der  faschistischen  Militanz,
die  selten  in  die  zahlreichen  Orte  der  Peripherie  ausgriff,  sie  verweist  aber  auch
auf  die  Lücken  im  Schulsystem,  mit  dessen  nationalistischem  Erziehungsauftrag
  nicht  alle  Lehrer  voll  sympathisierten.
Ab  1933  schlugen  das  Regime  und  seine  Vertreter  vor  Ort  einen  neuen  Kurs
ein,  für  den  die  Provinzhauptstadt  Bozen  als  Experimentierfeld  diente.  Binnen
weniger  Jahre,  von  1935-1939,  wurden  in  Bozen  zahlreiche  Industriebetriebe
angesiedelt,  deren  Mutterfirmen  in  Oberitalien  ansässig  waren.  Bis  1939  nahmen
  20  Betriebe,  darunter  Stahlwerke,  Metall-  und  Holzverarbeitungsbetriebe,
Chemie-  und  Autohersteller  mit  3004  Beschäftigten,  ihre  Tätigkeit  auf,  sechs
Betriebe  für  3010  Arbeitsplätze  befanden  sich  im  Bau,  angeregt  durch  günstige
Erschließungskosten,  weitere  Förderungen  und  die  Billigenergie  der  regionalen
Stromerzeugung.* 30  Flankiert  wurde  die  national  motivierte  Industriepolitik

2  9  Messner,  Otto:  Aber  ich  lebe  noch.  Ein  Südtiroler  zwischen  Faschismus  und  Nationalsozialismus,
  Bozen  1994,  S.  58.  Die  an  vielen  Stellen  apologetischen  Erinnerungen  des
SS-Freiwilligen  Messner  sind  in  den  Kindheits-Episoden  atmosphärisch  dicht  und
glaubwürdig.
30 Vgl.  Petri,  Rolf:  La  frontiera  industriale.  Territorio,  grande  industria  e  leggi  speciali
prima  della  cassa  per  il  Mezzogiorno,  Milano  1990,  S.  131-159  und  ders.:  Storia  di
Bolzano,  Padova  1989  (Le  città  nelle  Venezie  3),  S.  98-114.  Zusammenfassend
Bruccoleri,  Francesco:  „II  significato  sociale  di  una  struttura  economica.  La  zona

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