Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

den  Sinnspruch  und  Liktorenbündel  unverstellt,  aber  bisweilen  heftig  umstritten
  von  faschistischer  Kulturmission  auf  alpinem  Boden  -  ein  in  Westeuropa
durchaus  singulärer  Fall  der  Kontinuität.
Einige  Jahre  nach  der  Einweihung  des  Siegesdenkmals  wurde  das  Waltherdenkmal
  von  seinem  Standort  inmitten  der  Stadt  entfernt  und  auf  einen
abgelegenen  Platz  verbracht,  von  wo  es  erst  1981  auf  den  Waltherplatz  zurückkehrte.


IV. 1935-1945
Die  Hoffnung  der  Träger  von  Staat  und  Regime  auf  rasche  kulturelle
Assimilierung  der  deutsch-  und  ladinischsprachigen  Minderheit  der  Provinz
Bozen  erfüllte  sich  nicht.  Das  italianisierte  Schulsystem  wurde  durch  ein  geheimes
  Notschulwesen  unterlaufen,  das  auch  aus  deutschen  Mitteln  finanziert
war.27  Die  traditionell  starke  Position  der  katholischen  Kirche  im  „Heiligen
Land  Tirol“  bot  zudem  wichtige  Zufluchts-  und  Schutzräume.  Die  im  kirchlichen
  Athesia-Verlag  erscheinende  Tageszeitung  „Dolomiten“  gewann  als
„Tagblatt  der  Südtiroler“  an  öffentlicher  Autorität.  Die  Bevölkerung  schwankte
zwischen  verhaltener  Renitenz,  Abschottung  ihrer  Lebensräume  und  innerer
Emigration,  flankiert  vom  Aufbau  intensiver  Binnenkommunikation  innerhalb
der  deutsch-  und  ladinischsprachigen  Volksgruppe.28  Offene  Auseinandersetzungen
  zwischen  Regime  und  Bevölkerung  blieben  meist  aus.  Das  Verhältnis
zwischen  Staat  und  Minderheit  war  gewiß  spannungsgeladen,  dank  der  weit
günstigeren  Voraussetzungen  Südtirols  jedoch  weit  entfernt  von  jenem  Grad  an
Unterdrückung,  den  die  slowenische  Minderheit  in  der  Venezia  Giulia,  dem
Nordosten  Italiens,  hinnehmen  mußte.  Dies  galt  besonders  für  den  Raum  des
ländlichen  Südtirol,  wo  Staat  und  Partei  in  der  dörflichen  Gesellschaft  nur
mühsam  Ansatzpunkte  fanden:  Die  italienischen  Lehrer  in  den  Dorfschulen
waren  mit  der  jeweiligen  Dienststelle  der  Carabinieri  in  den  abgelegenen,  von
Straßen  kaum  erschlossenen  Dörfern  oft  nur  eine  versprengte  Minderheit,  die
auf  gute  Beziehungen  zur  Ortsbevölkerung  angewiesen  war.
In  Bozen  griff  der  faschistische  Aktivismus  noch  am  ehesten.  Die  Konzentration
  von  Militär  und  Polizei,  von  Behörden  und  italienischer  Bevölkerung
erhob  Bozen  zum  geeigneten  Testraum  für  den  Nachweis  von  Erfolgen  des  Re¬27

  Zum  Schulwesen  Südtirols  seit  1923  zusammenfassend  Conrad,  Claus:  „Neubeginn  im
deutschsprachigen  Schulwesen?“,  in:  Heiss,  Hans/Pfeifer,  Gustav  (Hg.):  Südtirol  in  der
Stunde  Null?,  Innsbruck  2000  (Veröffentlichungen  des  Südtiroler  Landesarchivs,  Bd.
10),  sowie  Seberich,  Rainer:  Südtiroler  Schulgeschichte.  Muttersprachlicher  Unterricht
unter  fremdem  Gesetz,  Bozen  2000.
28  Vgl.  Verdorfer,  Martha:  Zweierlei  Faschismus.  Alltagserfahrungen  in  Südtirol  1918-1945,
  Wien  1990.

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