Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Vertreibung  und  anhaltendem  Terror,  sondern  auf  assimilatorischem  Wege  zu
lösen  suchte.23
Zum  1.  Jänner  1927  wurde  Südtirol  aus  dem  bisherigen  Verband  mit  Trentino-Venetien
  herausgelöst  und  die  Provinz  Bozen  errichtet.  Die  administrative
Neuschöpfung  sollte  -  gleich  wie  in  Görz  und  Aosta  -  den  Aktionsraum  der
geplanten  Assimilierung  klar  umreißen  und  dazu  dienen,  die  Herrschaft  über
Territorium  und  Gesellschaft  umfassender  auszugestalten.24
Symbolischer  Höhepunkt  nationalen  und  faschistischen  Machtwillens  in  der
Provinz  Bozen-Südtirol  war  die  Einweihung  des  „Siegesdenkmals“,  des
„Monumento  alla  Vittoria“,  am  städtebaulichen  Übergang  zwischen  der  Stadt
Bozen  und  dem  kurz  zuvor  eingemeindeten  Nachbarort  Gries,  nur  wenige
Minuten  vom  Stadtzentrum  entfernt.25  Das  Monument  wurde  im  Juli  1928  feierlich
  eingeweiht,  in  Anwesenheit  von  König  Vittorio  Emanuele  sowie  hoher
staatlicher  und  faschistischer  Würdenträger.  In  weißem  Marmor  gefertigt,
stellte  das  15  m  hohe  Denkmal  einen  Altar  des  Vaterlandes  dar,  gestützt  auf  die
Signets  des  Faschismus,  römische  Rutenbündel,  die  „fasci“,  und  die  Beile.  Das
Rutenbündel  mit  Beil  war  das  Abzeichen  der  römischen  Liktoren  und  galt  als
das  Symbol  der  Amtsgewalt  der  römischen  Magistrate.
Der  in  seinem  Symbolgehalt  ausstrahlungsstarke  Bau  des  Architekten  Marcello
Piacentini  schlug  mithin  eine  Brücke  zwischen  römischer  Antike  und
Gegenwart.  Er  unterstrich  die  Kontinuität  zwischen  „Impero  Romano“  und  dem
neuen  Regime,  die  eine  der  kulturellen  Grundlagen  der  Selbstrepräsentation  des
Faschismus  bildete.26  So  wie  die  römischen  Legionen  unter  Drusus  und
Tiberius  15  n.  Chr.  nach  Norden  gegen  die  Germanen  aufgebrochen  waren,  um
die  Germanen  zu  unterwerfen,  so  hatte  auch  das  neue  Rom  die  Ausläufer  des
barbarischen  Germanentums  südlich  des  Alpenhauptkamms  unterworfen.  Daher
steht  auch  sinnfällig  am  Fries  des  Monuments  in  großen  Lettern:  „Hinc  ceteros
excoluimus  lingua,  legibus,  artibus...“  -  Von  hier  aus  -  so  die  sinngemäße
Übersetzung-  unterwies  die  römische  Zivilisation  „die  übrigen“  -  gemeint  waren
  die  Tiroler  Barbaren  -  „in  Sprache,  Gesetzen  und  Künsten“.  Bis  heute  kün¬23

  Vgl.  Mantelli,  Brunello:  Kurze  Geschichte  des  italienischen  Faschismus,  Berlin  1998,  S.
18.
24  Zur  Situation  in  Aosta  vgl.  Omezzoli,  Tullio:  Prefetti  efascismo  nella  provincia  d’Aosta,
Aosta  1999.
25  Vgl.  zusammenfassend  Pardatscher,  Thomas:  Das  Siegesdenkmal  in  Bozen.  Entstehung  -
Symbolik  -  Rezeption,  Dipl.  Arbeit  Univ.  Innsbruck  1998.
26  Vgl.  hierzu  Gentile,  Emilio:  II  culto  del  littorio.  La  sacralizzazione  della  politica
nell'Italia  fascista,  Roma  1993.  Als  instruktive  Zusammenfassung  vgl.  ders.:  „Der
Liktorenkult“,  in:  Dipper,  Christof/Hudemann,  Rainer/Petersen,  Jens  (Hg.):  Faschismus
und  Faschismen  im  Vergleich.  Wolf  gang  Schieder  zum  60.  Geburtstag,  Köln  1998
(Italien  in  der  Moderne  3),  S.  247-261.

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