Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Nationalstaats  war  aus  ihrer  Sicht  unmittelbar  an  die  Nationalität  gebunden:
Dies  war  eine  Spätfolge  des  italienischen  Risorgimento,  das  die  Rolle  der
Nation  übersteigerte  und  die  Entfaltung  der  kleinen  ethnisch-sprachlichen
Gruppen  negierte.21  Der  ethnisch  reine  Nationalstaat  bildete  aus  dieser  Sicht
den  Fluchtpunkt  des  Fortschritts,  während  multiethnische  Großreiche  wie  die
Habsburgermonarchie  bereits  lange  vor  1914  als  rückschrittlich-reaktionäre
Fossile  betrachtet  wurden,  die  zwar  noch  in  die  Gegenwart  hineinragten,  denen
aber  keinerlei  Zukunftsfähigkeit  bescheinigt  wurde.
Vor  allem  in  der  Venezia  Giulia  im  Raum  Triest  und  Görz  erreichte  die  italienische
  Entnationalisierungskampagne  gegen  die  julischen  Slowenen  und
Kroaten  1921  einen  Grad  an  Brutalität,  der  bereits  zeitgenössische  Beobachter
schockierte.22
Aber  auch  in  Südtirol  beeinträchtigte  der  fehlende  Minderheitenschutz  ab  1921
-  im  Zuge  progressiver  Schwächung  der  liberalen  Nachkriegsregierungen  -  die
Lage  der  deutsch-  und  ladinischsprachigen  Minderheit.  Am  Beispiel  Bozen  läßt
sich  dies  leicht  nachvollziehen,  als  etwa  im  Frühjahr  1921  faschistische
Kampftrupps  mit  gewaltsamen  Attacken  und  Mordanschlägen  die  deutschsprachige
  Stadtbevölkerung  Bozens  terrorisierten.  Im  Oktober  1922  bot  dann  der
Sturm  auf  das  Bozner  Rathaus  mit  der  Absetzung  von  Bürgermeister
Perathoner  einen  Vorgeschmack  auf  die  faschistische  Machtergreifung  in  nationalem
  Maßstab  -  drei  Wochen  später  fand  der  „Marsch  auf  Rom“  statt.  Ab
Herbst  1923  drängte  die  Regierung  dann  in  Südtirol  das  deutschsprachige
Schulwesen  systematisch  zurück  und  verbot  kulturelle  Basissymbole  der
Minderheit  wie  den  Namen  „Tirol“.  In  den  Jahren  1925/26  -  nach  Überwindung
  der  inneren  Krise  von  Duce  und  Regime  nach  der  Ermordung  des
sozialistischen  Parlamentariers  Giacomo  Matteotti  -  erfolgte  dann  die
weitestgehende  Gleichschaltung  der  Minderheiten  auf  gesetzlichem  Weg,
zugleich  mit  dem  gesamtstaatlichen  Parteienverbot  und  der  Ausschaltung  des
Parlaments.
Die  Strategie  des  Regimes  zur  Entnationalisierung  zielte  dabei  auf  einen
„inklusiven  Nationalismus“  (B.  Mantelli),  der  auf  die  Integrationskraft  der  als
„höher“  erachteten  italienischen  Kultur,  Verwaltung  und  Regierungskunst  setzte
und  das  „Minderheitenproblem“  vorerst  nicht  durch  die  Gewaltmittel  von

21  Ghisalberti,  Carlo:  „Die  Lage  der  Minderheiten  im  italienischen  Nationalstaat“,  in:
Corsini,  Umberto/Zaffi,  Davide  (Hg.):  Die  Minderheiten  zwischen  den  beiden
Weltkriegen,  Berlin  1997  (Schriften  des  Italienisch-Deutschen  Historischen  Instituts  in
Trient  10),  S.  27-38.
22  Vgl.  zusammenfassend:  Wörsdörfer,  Rolf:  „Zwischen  Karst  und  Adria.
Entnationalisierung,  Umsiedlung  und  Vertreibung  in  Dalmatien,  Istrien  und  Julisch
Venetien  (1927-1954)“,  in:  Streibel,  Robert  (Hg.):  Flucht  und  Vertreibung.  Zwischen
Aufrechnung  und  Verdrängung,  Wien  1994,  S.  92-133.

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