Befürchtungen über die Dauer der italienischen Besatzung ein. Die Italiener
aber blieben als neue Staatsmacht im Lande, da ihnen der Friedensvertrag von
St. Germain im September 1919 Südtirol zuschlug, die offizielle Annexion erfolgte
ein Jahr später, am 10. Oktober 1920.19
Zumindest fünf Phasen charakterisieren die Geschichte Bozens in den achtzig
Jahren von 1919 bis zur Gegenwart, die vom Konflikt zwischen Staatsnation
und deutschsprachiger Minderheit sowie vom schwierigen Verhältnis zwischen
den Volksgruppen geprägt waren: die Jahre 1919-1934, die Phase 1935-1945,
die Jahre 1946-1967, 1968-1985 und die jüngste Gegenwart 1986-1999.
Nach 1945 überlagerten sich Konfliktphasen mit Bemühungen um den
Ausgleich von Interessen, die z. T. über das Prinzip der Koexistenz hinaus in
ein fruchtbares, interkulturell angereichertes Zusammenleben einmündeten. Der
Prozeß ist gegenwärtig noch offen: Tendenzen fortdauernder Konfrontation
verflüssigen sich jedoch zunehmend unter den Bemühungen um postnationale
Identitäten auf einem mehrsprachigen Territorium, wobei Rückschläge nicht
ausbleiben.
III. Bozen 1919-1934
Die erste Phase umfaßt die 15 Jahre zwischen 1919 und 1934, zwischen dem
Kriegsende und der Annäherung der künftigen Achsenmächte Deutschland und
Italien. Bozen diente nach ruhigeren Anfangsjahren unter den liberalen
Nachkriegsregierungen bald schon als Experimentierfeld des frühen Bewegungsfaschismus,
der in Frontalattacken auf die deutsche und ladinische
Volksgruppe Südtirols eine rasche Gleichschaltung des neu erworbenen
Südtirol, des „Alto Adige“, mit der Staatsnation zu erzwingen suchte. Italien
hatte als Siegernation in den Friedensverträgen keine Verpflichtung zum
Minderheitenschutz auf sich nehmen müssen. Die Spannung zwischen Staatsmacht
und Minderheiten vollzog sich in Italien ohne jenen Minderheitenschutz,
der etwa in Polen oder der Tschechoslowakei nationalen Hegemonieansprüchen
der Sprachmehrheit deutliche Zügel auferlegte.20 Die ethnisch-nationalen
Minderheiten in Italien machten 1931 mit 971.000 2,37 Prozent der
Gesamtbevölkerung aus. Im Verständnis der politischen Führungsschicht des
Königreiches bildeten die ethnisch-nationalen Minderheiten einen möglichst
rasch zu assimilierenden Fremdkörper. Die Teilhabe am Aufstieg des
19 Als Überblick zur Geschichte Südtirols seit 1918 Steininger, Rolf: Südtirol im 20.
Jahrhundert. Vom Leben und Überleben einer Minderheit, Innsbruck-Wien 1997.
20 Hierzu demnächst Wörsdörfer, Rolf: „Der Umgang mit nationalen Minderheiten in
Deutschland und Italien (1866-1972)“, in: Dipper Christof (Hg.): Deutschland und
Italien 1860-1960, voraussichtlich München 2001. Für die freundlich gewährte Einsicht
in das Manuskript danke ich dem Vf. herzlich.
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