Trotz städtebaulicher Stilisierung zur „deutschen Stadt“ war die Bevölkerung
Bozens und seiner Anrainergemeinden bereits um 1910 national gemischt: mindestens
5 % der 12.000 Einwohner gehörten der italienischen Sprachgruppe an.
Aus den pauperisierten Agrarregionen des Trentino und des Veneto zugewandert,
lebten die Immigranten abseits des gutbürgerlichen Bozen vorwiegend in
der 1911 eingemeindeten Gemeinde Zwölfmalgreien und bestanden überwiegend
aus Arbeitern, die im prosperierenden Bausektor und im agrarischen
Umland als Taglöhner beschäftigt waren.15 Im Alltag wechselten viele fließend
vom heimischen Dialekt des Trentino in das Tiroler Idiom.
Der Erste Weltkrieg zwang Tirol seit Frühsommer 1915 in die zweifache Rolle
als Hinterland und Frontgebiet. Zur Vollendung des italienischen „Risorgimento“
fehlten Italien 1914 nur mehr „Trento e Trieste“. Beide erhielt das
Königreich im Geheimvertrag von London (26. April 1915) von der Entente
als Prämie für seinen Kriegseintritt zugesichert, darüberhinaus aber auch noch
Tirol bis zur Wasserscheide am Brenner.16 Mit dem Kriegseintritt Italiens am
23. Mai 1915 wurde Tirol unmittelbar vom Konflikt betroffen und rückte als
unmittelbares Ziel der italienischen Aspirationen ins Zentrum militärischer
Operationen: Die Front verlief zum Teil über das Hochgebirge Tirols und zog
Deutschsüdtirol, vor allem aber das Trentino schwer in Mitleidenschaft. Über
110.000 Trentiner wurden aus dem Frontgebiet und dem unmittelbarem
Hinterland evakuiert und z. T. in Internierungslager nach Oberösterreich abgeschoben;
das gesamte Land trug schwer an den Quartierlasten und litt unter
ständiger Ablieferungspflicht, noch mehr jedoch unter gravierenden Versorgungsmängeln.17
Der territoriale Zugewinn nach dem Kriegsausgang 1918 entsprach zumindest
im Norden den Erwartungen der italienischen Regierung. Obwohl längst nicht
alle Forderungen Italiens im Küstengebiet der Adria erfüllt wurden und sich
damit die Legende einer „vittoria mutilata“, eines „verstümmelten Sieges“,
einwurzelte,18 wurde gerade aus diesem Grund die Grenze im Norden umso
nachdrücklicher behauptet. Am 7. November 1918 rückten italienische Truppen
in Bozen ein und wurden von den Stadtbewohnern in einer zwiespältigen
Stimmung empfangen: Eine Atempause in der desolaten Versorgungs- und
Notsituation war zu erhoffen, zugleich aber kehrten Ungewißheit und bange
15 Vgl. Dughera, Ivan: Gli uomini della palude. Una ricerca di antropologia urbana ad
Oltrisarco -faubourg operaio, Bozen 1998 (Tracce 1), S. 93-95.
16 Rauchensteiner, Manfried: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste
Weltkrieg, Graz-Wien-Köln 1993, S. 225-234.
17 Vgl. Rettenwander, Matthias: Stilles Heldentum? Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Tirols im Ersten Weltkrieg, Innsbruck 1997 (Tirol im Ersten Weltkrieg. Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft 2).
18 Vgl. Tranfaglia, Nicola: La prima guerra mondiale e il fascismo, Torino 1995 (Storia
d’Italia UTET, 22), S. 131-146.
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