Aufklärung und der Französischen Revolution Grunddeterminanten der
Identität Tirols. Tirol war das einzige Territorium des Deutschen Bundes und
Österreichs, dessen Landtag bis 1874 die Niederlassung nichtkatholischer Konfessionen
erfolgreich blockierte. Auch nach dem Ende des Kulturkampfes am
Beginn der Neunziger Jahre blieb die katholische Dominanz ungebrochen und
gewann in der neuen Bewegung der Christlichsozialen zur Jahrhundertwende
eine modernisierte Ausprägung. In den größeren Städten Deutschtirols
behauptete hingegen der politische Liberalismus dank des Kurienwahlrechts
eine beachtliche Vormachtstellung und suchte seine politisch-weltanschaulichen
Positionen durch symbolische Politik zu unterstreichen.
Markantestes Symbol des „deutschen Bozen“ war der Kult um den mittelalterlichen
Dichter und Minnesänger Walther von der Vogelweide, dessen Heimat um
1870 auf dem „Vogelweidhof4 in Lajen, knapp 20 km nördlich von Bozen,
vermutet wurde.13 Die fragwürdige, heute kaum mehr plausible Hypothese, der
„größte deutsche Dichter“ des Mittelalters könnte direkt an der südlichsten
Grenze des deutschen Sprachraums geboren sein, wurde von den bürgerlichen
Mittelschichten Deutschtirols zur untrüglichen Gewißheit stilisiert. Der Kult um
Walther trug gleichermaßen dazu bei, die Pionierrolle des Grenzlanddeutschtums
auch in Tirol emphatisch zu überhöhen und den laizistischen Wert
autonomer Kultur gegen den Katholizismus hervorzuheben, 1889 wurde auf
dem Johannsplatz im Herzen Bozens ein Standbild für den Dichter feierlich
eingeweiht, der Platz in „Waltherplatz“ umbenannt und damit die Rolle Bozens
als Vorposten des deutschen Südens architektonisch fixiert. Im 50 km südlich
gelegenen Trient enthüllte man hingegen sieben Jahre später 1896 ein Denkmal
für den italienischen Dichter Dante, dessen Standbild gebieterisch nach Norden
blickte und damit in ein kultumationales Fernduell mit Walther eintrat.
Bozen erhielt unter Bürgermeister Perathoner zur Jahrhundertwende städtebauliche
Akzente, die die bereits bestehende, vielschichtige Architekturtradition
der Stadt verstärkt auf die Modelle des süddeutschen Historismus und des malerischen
Städtebaus bezogen. Die Stadtbaumeister kamen aus München,
Sachsen oder Hannover, und Architekten wie Gottfried Neureuther oder Karl
Hocheder trugen dazu bei, daß sich der urbane Städtebau Bozens mit süddeutschen
Formen anreicherte.14
13 Vgl. Egger, Oswald/Gummerer, Hermann (Hg.): Walther, Dichter und Denkmal, Wien-Lana
1990, und Johler, Reinhard: „Walther von der Vogel weide - Erinnerungskultur und
bürgerliche Identität in Südtirol“, in: Haas, Hanns/Stekl, Hannes (Hg.): Bürgerliche
Selbstdarstellung: Städtebau, Architektur, Denkmäler, Wien-Köln-Weimar 1995
(Bürgertum in der Habsburgermonarchie 4), S. 185-203.
14 Vgl. zusammenfassend Bassetti, Silvano: „Bozen und Gries im 19. Jahrhundert. Die
urbanistische und architektonische Entwicklung“, in: Villa Wendtlandt (wie Anm. 9), S.
36-49.
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