Stadtpfarrkirche, stand stilistisch in Kontrast zu stärker italienisch beeinflußten
Bauten wie der Dominikanerkirche oder des klassizistischen Merkantilpalastes.
Die Eruption nationaler Fragen in der Habsburgermonarchie und Europa seit
1848 erfaßte auch das südliche Tirol und seinen Mittelpunkt Bozen.1 1
Österreich verlor im Zuge des italienischen Risorgimento zunächst 1859 das
Königreich Lombardei an Sardinien-Piemont, 1866 fiel dann auch Venetien an
das junge Königreich Italien. Damit übernahm die Grafschaft Tirol die
Funktion einer Grenzregion gegen das aufsteigende Italien, wobei im südlichsten,
rein italienischsprachigen Landesteil des Trentino der Irredentismus lebhaft
verspürt wurde.11 12 Allerdings reagierte die Wiener Regierung gelassener
auf die Risorgimento-Ausläufer als das deutschsprachige kulturnationale
Bürgertum Tirols. Viele Angehörige der bürgerlichen Schichten in den Städten
näherten sich in den Jahren ab 1880, ausgehend von maßvollen liberalen
Grundhaltungen, zunehmend den Extrempositionen eines integralen Nationalismus.
Die Spielarten des Deutschnationalismus und der wahnhafte Pangermanismus,
den etwa die alldeutsche Partei Georg Ritter von Schönerers ab 1882 wirkungsvoll
propagierte („Ohne Juda, ohne Rom, bauen wir Germanias Dom“) fanden
im bürgerlichen Milieu Bozens erhebliche Resonanz, Viele deutschnational
Gesinnte erwarteten in ständiger Alarmbereitschaft den Verrat der „Welschen“
im südlichen Landesteil und überschätzten dabei vollkommen den Einfluß der
dünnen, nationalliberalen Führungsschicht des Trentino. Unter dem Eindruck
des Aufstiegs des nahen „Regno d’Italia“ verfestigten sich in Bozen deutschnationale
Positionen in der Stadtverwaltung und im Geflecht der örtlichen
Vereine. Ihr maßgeblicher Repräsentant war Bürgermeister Julius Perathoner,
der während seiner langen Amtszeit (1895-1922) die symbolische Ausprägung
des „deutschen“ Charakters von Bozen energisch vorantrieb.
Mit der Akzentuierung gesamtdeutsch-kultumationaler Elemente reagierten die
bürgerlichen Führungsschichten der Stadt nicht nur auf das Spektrum des italienischen
Nationalismus, sondern vor allem auch auf die konservativ-katholische
Grundausrichtung der politischen Elite und Kultur Tirols. Die institutioneile
Rolle der Kirche, die populäre Religiosität und die politische Macht des
Katholizismus waren seit der Frühen Neuzeit, verstärkt dann seit der
11 Vgl. Heiss, Hans/Götz, Thomas: Am Rand der Revolution. Tirol 1848149, Wien-Bozen
1998.
12 Anschaulich zur Haltung der Regierung das Promemoria über die politische Lage im
italienischen Landesteil Tirols, gerichtet durch den Statthalter von Tirol an den
Thronfolger Franz Ferdinand, 29. 9. 1912, in: Schober, Richard (Hg.): Theodor Freiherr
von Kathrein (1842-1916). Landeshauptmann von Tirol. Briefe und Dokumente zur
katholisch-konservativen Politik um die Jahrhundertwende, Innsbruck 1992
(Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs 7), S. 432-443.
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