Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

besitz,  Renten  und  Großhandel,  geschlossene  Heiratskreise  und  Konnubium  mit
dem  Landadel  charakterisierten  das  Bozner  Handelsbürgertum  seit  dem  17.
Jahrhundert  als  Führungsgruppe  beinahe  patrizischen  Zuschnitts.  Auch  im
alltäglichen  Habitus  bewiesen  Bozens  Stadtbürger  demonstrative  Symbole
ständischer  Exklusivität:  Geschäft  und  Haus  unter  den  Lauben,  der  Kirchstuhl
in  der  Pfarrkirche  am  Johannsplatz,  die  Familiengruft  im  Kreuzgang  des  alten
Friedhofs  und  das  obligate  Refugium  der  „Sommerfrische“  auf  dem  Ritten
waren  einige  der  „Bozner  Seligkeiten“.* 7  Die  hochkonservative  Katholizität
wurde  im  Vormärz  als  besonders  auffälliges  Phänomen  von  auswärtigen
Reisenden  immer  wieder  hervorgehoben.
Landbesitz  und  Warenhandel  galten  den  Boznem  als  Lebensgrundlage,  als  Basis
für  Lebensstil  und  Statusbewußtsein.  Parallel  zu  dieser  Werthaltung  entwickelte
sich  eine  ausgeprägte  Industriefeindlichkeit,  sodaß  erst  im  Revolutionsjahr  1848
die  Gründung  der  ersten  Baumwollspinnerei  erfolgte,  an  die  sich  allmählich
erst  weitere  Industriezweige  anschlossen.8
Trotz  solch  behutsamer  Innovationen  reüssierte  das  rund  7000  Einwohner  zählende
  Bozen  seit  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  vor  allem  als  touristisch  ausgerichtete
  Gartenstadt,  gemeinsam  mit  der  nur  durch  den  Fluß,  die  Talfer,  getrennten
Nachbargemeinde  Gries.9  Die  reizvolle  Übergangslage  zwischen  Nord  und  Süd
bestimmte  die  Beobachtung  von  Reisenden,  die  den  Stadtraum  gewissermaßen
als  Amalgam  zweier  Kulturräume  wahrnahmen.10  Bozens  Wahrzeichen,  der
vom  Schwaben  Hans  Lutz  von  Schussenried  errichtete  gotische  Turmhelm  der

Thomas:  Zwischen  Stadt  und  ,Region  ,  Staat  und  Nation.  Bürgertum  und  Liberalismus  in
Tirol  1840-1873,  ungedr.  phil.  Diss.,  Regensburg  1997  (im  Druck  voraussichtlich  2000).
Zur  Situation  im  18.  Jahrhundert:  Egger,  Christine:  Bozen  zwischen  Stagnation  und
Wandel.  Zur  Geschichte  der  Verfassung,  des  Finanzwesens  und  der  Wirtschaft  von
1765-1795,  ungedr.  phil.  Diss.,  Innsbruck  1993.
7  Vgl.  Heiss,  Hans/Mock,  Hubert:  „Kulturelle  Orientierungen  des  Südtiroler  Bürgertums
1890  bis  1930“,  in:  Stekl,  Hannes  u.  a.  (Hg.),  „Durch  Arbeit,  Besitz,  Wissen  und
Gerechtigkeit",  Wien-Köln-Weimar  1992  (Bürgertum  in  der  Habsburgermonarchie  2),  S.
141-159,  hier:  142  f.
8  Vgl.  Alexander,  Helmut:  Geschichte  der  Tiroler  Industrie.  Aspekte  einer  wechselvollen
Entwicklung,  Innsbruck  1992,  S.  82-86,  und  Pixner,  Albin:  Industrie  in  Südtirol.
Standorte  und  Entwicklung  seit  dem  Zweiten  Weltkrieg,  Innsbruck  1983  (Innsbrucker
Geographische  Studien  9),  S.  11.
9  Vgl.  den  Überblick  von  Filippi,  Ermanno:  „Gries  1850-1918“,  in:  Stadtarchiv  Bozen
(Hg.):  Villa  Wendtlandt.  Ausstellungskatalog:  Bozen  Stadtgalerie:  März-Mai  1999,
Bozen  1999  (Quademi  di  storia  cittadina/Hefte  zur  Bozner  Stadtgeschichte  1),  S.  66-79.
10  Vgl.  Stäuber,  Reinhard:  „„Auf  der  Grenzscheide  des  Südens  und  Nordens“.  Zur
Ideengeschichte  der  Grenze  zwischen  Deutschland  und  Italien“,  in:  Schmale,
Wolfgang/Stauber,  Reinhard  (Hg.):  Menschen  und  Grenzen  in  der  Frühen  Neuzeit,
Berlin  1998  (Innovationen  2),  S.  76-115.

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