Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

der  Bozner  Raum  eine  reizvoll  gemischte  Fauna  mit  Zypressen,  Feigen-  und
Kakibäumen,  im  Norden  reichen  die  Rebgärten  bis  nahe  ans  Stadtzentrum
heran.  Sie  belegen  die  Bindung  des  Stadtraums  an  das  Umland  mit  ausgedehntem
  landwirtschaftlichem  Grün  und  stadtnahen  Erholungsgebieten,  die  ihrerseits
  umfaßt  sind  von  hochalpinen  Gebirgsregionen  mit  den  Landschaftsmarken
Sehlem  und  Rosengarten.
Als  Schnittpunkt  des  transalpinen  Verkehrs  über  den  Brenner  war  Bozen  seit
dem  Mittelalter  dank  geografischer  Äquidistanz  zwischen  Innsbruck  und
Verona  eine  überregional  ausstrahlende  Handelsstadt.  Ihre  seit  1202  nachweisbaren
  Warenmessen  sicherten  ihr  einen  Rang  in  der  zweiten  Reihe  hinter
großen  europäischen  Messestandorten  wie  Frankfurt,  Leipzig,  Genua  und
Verona.4  Die  österreichischen  Habsburger,  seit  1363  auch  Tiroler  Landesfürsten,
  unterstützten  die  ökonomisch  und  fiskalisch  einträgliche  Mittlerfunktion
  Bozens  durch  zahlreiche  Privilegien.5  Bozen  lag  beinahe  im  Herzen
der  habsburgischen  Grafschaft  Tirol.  Von  der  Stadt  ab  südwärts  begann  der
lange  Übergangsraum  hin  ins  italienische  Sprachgebiet.  Denn  die  Bevölkerung
der  Grafschaft  Tirol  war  mehrsprachig,  bestimmt  durch  das  Deutsche,  aber
auch  von  einer  starken  italienischen  Minderheit  im  Trentiner  Raum,  und  mit
den  vielfältigen  Idiomen  des  Ladinischen  in  den  Gebirgsfurchen  des  Grödenund
  Gader-,  des  Fassa-  und  Fleimstales.
In  der  klimatischen,  wirtschaftlichen  und  politischen  Gunstlage  Bozens  formierte
  sich  um  1600  ein  ökonomisch  wohlsituiertes  Handelsbürgertum  als  städtische
  Führungsschicht.  Die  Gruppe  um  die  „Bozner  Laubenkönige“  verfestigte
sich  -  teilweise  in  Verflechtung  mit  dem  Niederadel  der  Region  -  zur  stabilen
Ausprägung  eines  alteuropäischen  Stadtbürgertums  von  geringer  Innovationsbereitschaft,
  mit  aristokratisch-seigneuralem  Lebensstil  und  solidem  Selbstbewußtsein.6
  Ständische  Exklusivität,  gesicherte  Vermögenslage  durch  Grund-Vgl.

  zusammenfassend  Heiss,  Hans:  „Die  ökonomische  Schattenregierung  Tirols.  Zur
Rolle  des  Bozner  Merkantilmagistrates  vom  17.  bis  ins  frühe  19.  Jahrhundert“,  in:
Geschichte  und  Region/Storia  e  regione  1  (1992),  H.  1,  S.  66-87,  und  Benoldi,  Andrea:
La  fiera  e  il  dazio.  Economia  e  politica  commerciale  nel  Tirolo  del  secondo  Settecento,
Trento  1999.
Hierzu  die  Sammelbände:  Bozen  von  den  Anfängen  bis  zur  Schleifung  der  Stadtmauern.
Berichte  über  die  internationale  Studientagung  der  Stadtgemeinde  Bozen  (Bolzano  dalle
origini  alla  distruzione  delle  mura.  Atti  del  convegno  internazionale  di  studi),  Schloß
Maretsch  1989,  redigiert  von  Lunz,  Reimo,  Bozen  1991,  sowie  Bozen  von  den  Grafen
von  Tirol  bis  zu  den  Habsburgern  (Bolzano  fra  i  conti  di  Tirolo  e  gli  Asburgo),  hg.  vom
Stadtarchiv  Bozen  (Studi  di  storia  cittadina/Forschungen  zur  Bozner  Stadtgeschichte  1),
Bozen  1999.  Als  bibliografische  Orientierung  vgl.  Obermair,  Hannes:  „Südtiroler
Städtebibliografie  1985-1999“,  in:  Der  Schiern  73  (1999),  H.  12,  S.  785-797.
Hierzu  jüngst  Andresen,  Johannes:  Die  politische  Führungsschicht  der  Stadt  Bozen  im
16.  Jahrhundert,  Magisterarbeit,  Bonn  1995  sowie  die  herausragende  Arbeit  von  Götz,

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