Planung und Bauzeit lassen erahnen, unter welchen Schwierigkeiten das Projekt
eines gemeinsamen Theaters realisiert wurde. Widerstände kamen vor allem
von deutschsprachiger Seite, deren Wortführer in dem geplanten Theater das
trojanische Pferd einer ethnischen Mischkultur erblickten. Bozens italienische
Mehrheitsparteien, später der gesamte Gemeinderat, hielten dagegen an „ihrem“
Theater als integrativem Bezugspunkt der Stadtgesellschaft fest.
Am 9. September 1999 hob sich dann der Vorhang zu einer bunten Premiere,
in der Programmanteile in den drei Landessprachen zwar nicht reibungslos,
aber doch fließend ineinander übergingen. War dies das Happy-End eines langen
Weges, ein Akt gelingenden Ausgleichs zwischen den Sprachgruppen? Der
Beobachter einer Südtiroler Wochenzeitung blieb nach dem Premierenabend
eher skeptisch: „Da saß das deutsche Publikum und ödete sich an, während die
alten Helden des Teatro Stabile auftraten - und in den italienischen Ecken
wurde geklatscht. Starr schauten die meisten italienischen Besucher auf die
Bühne, wenn dort Brecht gesungen, Bernhard gespielt, Goethe (auf Deutsch)
rezitiert wurde. Nicht aufgrund störrischer Haltung, sondern weil es ein Kind
des zusammengenommenen guten Willens ist, war das Neue Stadttheater von
der Entstehung bis zur Eröffnung mal Drama, mal Posse einer Nichtverständigung.“2
Ungebrochenen Optimismus hingegen verbreitete der Leiter
des städtischen Kulturamtes: „Bozen hat eine Kulturszene, lebendig wie
Mailand. Die Leute wissen es nur noch nicht.“3
Die beiden Kommentare sind Fragmente eines mühsamen Diskurses zwischen
den Sprachgruppen, der in Bozen/Bolzano nach Jahrzehnten der Polarisierung
und der teils freiwilligen, teils politisch gewollten Segregation anläuft - zwar
stockend und mühsam, aber nicht ohne Aussicht auf Erfolg. Der vorliegende
Beitrag zeichnet einige Stationen der städtischen Entwicklung nach und
versucht die Ebenen zwischen Konflikt, Konsens und Kommunikation innerhalb
der Stadtgesellschaft zu beschreiben, aus der historischen Gesamtperspektive
des 19. und 20. Jahrhunderts.
II. Grundzüge der historischen Entwicklung der Stadt
Die Stadt Bozen liegt im Zentrum des mittleren Alpenhauptkamms, rund 80
km südlich des Brennerpasses und der Grenze Italien-Österreich. Inmitten des
alpinen Kemraums bildet sie auf nur rund 230 m Seehöhe eine submediterrane
Enklave mit insgesamt mildem Mikroklima bei bisweilen rauhem Winterwetter
und heißen Sommerspitzen bis zu 40 Grad C. Neben der Weinrebe beherbergt
Peterlini, Hans Karl: „Zwei fremde Welten auf einer Bühne“, in: FF - Die Südtiroler
Wochenzeitung, 16. 9. 1999, S. 13.
Zit. bei Schröder, Nina: „Das Phantom. Wie Bozen aufs Theater kam“, in: Das FF
Theater Magazin. Panorama 4/99, S. 12.
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