Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Hans  Heiss

Gelungene  Pazifizierung?
Die  Stadt  Bozen/Bolzano  im  Spannungsfeld  nationaler
UND  KULTURELLER  AUSEINANDERSETZUNGEN  1919-1999

I. Stadt-Theater
Am  9.  September  1999  wurde  das  Neue  Stadttheater/Nuovo  Teatro  Comunale
von  Bozen/Bolzano,  der  Landeshauptstadt  der  Autonomen  Provinz  Bozen-Südtirol,
  feierlich  eröffnet.  56  Jahre  nach  der  Zerstörung  des  Vorläufers  im
Krieg  erhielt  Bozen  mit  seinen  100.000  Einwohnern  nach  vierjähriger  Bauzeit
wieder  ein  eigenes  Theater.  Der  83-jährige  Stararchitekt  Giorgio  Zanuso,
Nestor  des  italienischen  Theaterbaus,  der  das  Projekt  gestaltet  hatte,  kam
ebenso  zur  Einweihung  wie  Sergio  Mattarella,  Vizekanzler  der  Regierung
D’Alema.
Die  Einweihung  war  aus  drei  Gründen  bemerkenswert:  Zunächst  gilt  für  jede
Stadt  die  Eröffnung  eines  Theaters  als  markantes  Ereignis,  das  auch  einen
künstlerisch,  kulturpolitisch  und  gesellschaftlich  zentralen  Impuls  repräsentiert.1
  Ungewöhnlich  ist  zum  zweiten  das  mit  dem  Bau  und  der  Führung  eines
Theaters  verbundene  finanzielle  Engagement  in  einer  Zeit,  in  der  in  ganz
Europa  viele  Schauspielhäuser  aus  realen  oder  vorgeblichen  Einsparungsgründen
  geschlossen  werden.  Die  Autonome  Provinz  Bozen  mit  ihrem
hochdotierten  Landeshaushalt  verfügt  jedoch  über  günstigere  Voraussetzungen,
die  diese  positive  Anomalie  erst  ermöglicht  haben.  Schließlich  bedeutete  die
Einweihung  für  Bozen  und  Südtirol  unter  ethnischen  Gesichtspunkten  einen
ungewöhnlichen  Schritt  nach  vom.  Was  lange  kaum  denkbar  schien,  wurde  am
9.  September  Wirklichkeit:  Das  neue  Stadttheater  steht  den  drei  offiziell
anerkannten  Sprachgruppen  des  Landes,  Deutschen,  Italienern  und  Ladinern,
gleichermaßen  zur  Verfügung.  Bozens  festes  italienischsprachiges  Theaterensemble,
  das  Teatro  Stabile,  besaß  bisher  sein  eigenes  kleines  Haus,  während
die  zahlreichen  Volks-  oder  halbprofessionellen  Bühnen  Bozens  meist  in  einem
kulturellen  Mehrzweckbau  auftraten,  der  unter  dem  programmatischen  Namen
„Haus  Walther  von  der  Vogelweide“  zur  Pflege  deutschsprachiger  und
ladinischer  Kultur  bestimmt  war.  Die  20  Jahre  währende  politische  Diskussion,

1

Vgl.  jüngst  Kirchgässner,  Bemhard/Becht,  Hans-Peter  (Hg.):  Stadt  und  Theater,  Stuttgart
1999  (Stadt  in  der  Geschichte.  Veröffentlichungen  des  Südwestdeutschen  Arbeitskreises
für  Stadtgeschichtsforschung  25).

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