Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

te,  vermutlich  auch  wäre,  ist  im  Falle  Rigas  in  dieser  Entschiedenheit  nicht
aufrechtzuerhalten.
Die  1201  gegründete  Kaufmannsstadt  blieb  über  Jahrhunderte  eine  solche,
wurde  durch  die  Kaufleute  vorwiegend  niederdeutscher  Herkunft  und
Abstammung  geprägt.  Dieses  „deutsche“  Element  war  aber  immer  mit  dem
„Undeutschen“  konfrontiert,  arrangierte  sich  mit  ihm  und  suchte  die
sprachlichen  Defizite  mit  einer  Art  Kaufmanns-Pidgin  oder  lingua  franca  zu
überbrücken.  Insofern  ergab  sich  nicht  nur  ein  Element  des  Mischkulturellen,
sondern  sogar  ein  „großes  Sammelsurium“:70  kein  reines  Nebeneinander  vieler
Kulturen,  sondern  eine  sozusagen  niederdeutsch-hanseatische  Hochkultur  und
daneben  eine  sprachliche  Mischkultur  mindestens  durchgängig  im  Alltag.  Über
kulturelle  Sonderrollen  der  nichtdeutschen  Nationalitäten  ist  nichts  bzw.  fast
nichts  bekannt.
Das  in  dieser  Hinsicht  stimmige  Bild  trifft  unsere  Thematik  dennoch  nicht.  In
einem  relativ  offenen  Neuland  wird  nämlich  in  Riga  das  Risiko  eines
missionspolitischen  Straßentheaters  gewagt.  Auch  wenn  das  Experiment
scheiterte,  bleibt  festzuhalten,  daß  es  ein  nahezu  einmalig  bezeugter  Versuch
war  und  im  Hinblick  auf  eine  beabsichtigte  Alternative  zur  Schwertmission
sogar  ein  faszinierendes  Konzept.71
Die  Rechtsordnung  der  Stadt  speiste  sich  aus  mehreren  Quellen,  für  deren
Nutzung  man  selbst  verantwortlich  war,  wobei  Vorbildliches  geleistet  wurde,
wenn  man  eine  für  Jahrhunderte  gültige  Rechtsordnung  als  solches  werten
darf.  „Innovativ“  ist  die  in  Riga  entwickelte  Schiedsordnung,  für  die  ein
päpstlicher  Legat  und  oberitalienischer  Bischof  als  Anreger,  Gestalter  und
zeitweilig  als  oberste  Autorität  für  Korrekturen  und  verbindliche  Interpretation
verantwortlich  war.  Ein  derartig  geschlossenes  Schiedsgerichtskonzept  ist  im
zeitgenössischen  Europa  außerordentlich  früh;  ob  es  auch  singulär  war,  läßt
sich  angesichts  eines  leider  defizitären  Forschungsstandes  nicht  sagen.
Aus  quälender  Not  geboren  war  Rigas  Bauordnung.  Vier  große  Feuersbrünste
hatten  in  knapp  80  Jahren  die  immer  wieder  blühende  Stadt  heimgesucht.
Wenn  der  Rat  1293  energisch  reagierte,  so  zeigt  dies  den  Willen,  aus  Schaden
zu  lernen.  Die  Rigaer  Bauordnung  von  1293  gehört  zu  den  damals  modernsten
Bauordnungen  Europas  und  läßt  sich  in  Zusammenhänge  mit  entsprechenden
Regelungen  der  oberitalienischen  Großstädte  Venedig  und  vor  allem  Siena
bringen.  Der  dem  Niederdeutschen,  auch  der  estnischen  und  livischen  Sprache
fremde  Terminus  scarp  weist  in  seiner  verkürzten  Form  auf  ital.  scarpellino/scalpellino,
  das  den  gehobenen  Baumeister  meint.  Ich  vermute  hier  direkte

70  Johansen,  von  zur  Mühlen  (wie  Anm.  13)  S.  379.
71  R.  Schneider  (wie  Anm.  11)  S.  116ff.

206
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.