einem scarp, bei dem Friedrich Georg von Bunge, der Herausgeber des Urkundenbuches
von 1853, eine unsichere Lesart mit einem Fragezeichen andeutete
oder auch nur auf ein sonst nicht geläufiges Wort aufmerksam machen wollte.
Tatsächlich ist es reizvoll, exkursartig der Frage nachzugehen, was scarp
bedeuten könnte. Wäre es ein mittelniederdeutsches Wort, so käme die
adjektivische Bedeutung scharp = scharf, spitz in Frage,54 die ahd. scar(p)f
entspräche, einem altgermanischen Wort (an. skarp, engl, sharp).55 Die
Regelung der Bauordnung könnte dann besagen, daß für den Giebel eines
Eckhauses, das „schulterbreit“ (?) ist, der Rat zu sechs Fuß 1.000 Steine geben
solle, wäre der Giebel aber anders gebaut, solle man ihm dementsprechend
Steine geben, als er scharf oder spitz ist, so soll man ihm zu acht Fuß 1.000
Steine geben.56 Dies könnte bedeuten, daß ein zu vermutender Spitzgiebel
weniger Steine erhielte oder brauchte. Freilich bleibt der Textzusammenhang
und die spezielle Bedeutung von scarp undeutlich. Daher wird man auch
andere Deutungsmöglichkeiten diskutieren müssen. Da trotz der erwähnten
mittelniederdeutschen Wortform scharp das hier bezeugte scarp sonst im
Mittelhochdeutschen nicht belegbar zu sein scheint, wäre zu fragen, ob es sich
um ein Fremdwort handelt, ggf. auch in abgekürzter Form. Im Mittellateinischen
oder Italienischen könnte man tatsächlich fündig werden, beispielsweise
wenn die postulierte Abkürzung scarp mit scarpellino aufgelöst
würde,57 also mit der älteren italienischen Bezeichnung für den Steinmetz, der
gewiß oft Bauunternehmer, Steinmetz, Statiker und Architekt in einer Person
war. Von it. scarpellino leitet sich scarpellinus ab.58 Vermutlich wäre eine
abgekürzte Form scarp aber eher mit scarpello „Meißel“ (Fiore, Dante) aufzulösen,59
* das auch als Personenname verwendet werden kann (vgl. sic.
Scarpeu - Picitto). Bereits im 13. Jahrhundert ist es mit r belegt; r-Formen
kommen sehr früh (13./14. Jahrhundert) in Ober- und Mittelitalien vor, der
mittellat. Erstbeleg scarpellum stammt aus dem Trentino 1276.60 Der
sprachliche Befund gibt demnach keine ganz schlüssigen Antworten, doch trägt
er durchaus die geäußerte Vermutung: Der Terminus scarp in der Rigaer
54 August Lübben: Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, nach dem Tod des Verfassers
vollendet von Christoph Walter, Leipzig 1888, ND Darmstadt 1989 s. v. (S. 320) —
scarp selbst fehlt, es wird verwiesen auf: sc-, s. sch.
55 Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch, bearb. von Werner Betz, Tübingen 61966, s. v.
scharf.
56 Bauordnung (wie Anm. 44):
Vortmer to deme gevele des orthuses, de schulderbret is, deme schal me geven to ses
voten ein dusent stenes; is he aver anders gebuwet, so schal men eme darna geven, alse
is he scarp (?), so schal men eme geven to achte voten ein dusent.
57 Freundlicher Hinweis von cand. phil. Christian Mathieu.
58 Du Cange: Glossarium mediae et infimae Latinitatis, Bd. 8 (1887) S. 340, s. v.
scarpellinus.
59 Hier und im folgenden danke ich meinem Kollegen Max Pfister für kundigen Rat.
66 „Tamanini“, in: Studi trentini di scienze storiche, Bd. 42 (1963) S. 284.
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