Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Überdies  ist  bei  den  regionalen  KMU  eine  grenzüberschreitende  Unternehmensstrategie
  noch  wenig  verbreitet.  Das  betrifft  nicht  nur  die  Ansiedlung
von  Zweigbetrieben,  sondern  selbst  die  Akquisition  von  Aufträgen  im
Nachbarland.  Allenfalls  beim  Handwerk  nimmt  die  grenzüberschreitende
Tätigkeit  von  saarländischer  Seite  merklich  zu.
Angesichts  des  niedrigeren  Lohnniveaus  in  Frankeich  und  der  diesseits  weitgehend
  fehlenden  Französischkenntnisse  spielt  die  Beschäftigung  von  Saarländern
in  Lothringen  keine  besondere  Rolle.  Gerade  einmal  900  arbeiten  dort,  während
umgekehrt  1998  rd.  18.400  Personen  aus  Lothringen  in  das  Saarland  einpendelten
  (Statistisches  Landesamt  Rheinland-Pfalz  et  al.  1998;  vgl.  Abb.  1).  Somit
tragen  die  deutschen  Unternehmen  in  Lothringen  kaum  zur  Entstehung  eines
grenzüberschreitenden  Arbeitsmarktes  bei,  noch  weniger  zu  Beziehungen  zwischen
  Arbeitnehmern  beider  Seiten.  Der  kulturelle  Einfluß  dieser  Betriebe
scheint  eher  gering  zu  sein,  ganz  zu  schweigen  von  einer  gegenseitigen
Beeinflussung  am  Arbeitsplatz.
Führen  nun  umgekehrt  die  starken  Pendlerströme  von  Lothringen  in  das
Saarland  zu  einer  gegenseitigen  kulturellen  Beeinflussung?  Der  starke  Verlust
von  Arbeitsplätzen  in  Ost-Lothringen  infolge  der  Montankrise  wurde  nicht  nur
durch  ausländische  Direktinvestitionen  im  der  Region  kompensiert,  sondern  vor
allem  durch  ein  massives  Wachstum  der  Auspendlerzahlen.  1996/97  arbeiteten
rd.  54.400  Personen  aus  der  Region  Lothringen  in  den  Nachbarstaaten  Luxemburg,
  Deutschland  und  Belgien;  dies  entspricht  rd.  7,5%  der  Erwerbstätigen.
Von  den  genannten  18.400  Grenzpendlem  in  Richtung  Saarland  stammen  allein
aus  dem  lothringischen  Kohlebecken  rd.  12.000  (INSEE  1997;  INSEE  1998;
Abb.  1).  Der  größte  Teil  sind  Industriearbeiter,  bei  den  knapp  8.000  im
Großraum  Saarbrücken  Tätigen  dominiert  jedoch  der  Dienstleistungssektor.
Zahlreiche  Zweisprachige  arbeiten  als  Verkäufer,  bedienen  im  Gaststättengewerbe
  oder  sind  in  der  Gebäudereinigung  beschäftigt.  In  der  Regel  handelt  es
sich  um  wenig  oder  nicht  qualifizierte  Tätigkeiten,  die  nur,  wenn  überhaupt,  zu
schwacher  Kommunikation  mit  deutschen  Beschäftigten  am  Arbeitsplatz  führen
(vgl.  Kilp  1998).  Bei  der  nicht  unerheblichen  Zahl  höher  qualifizierter
Einpendler  dagegen  handelt  es  sich  meistens  nicht  um  Franzosen,  sondern  um
Saarländer  mit  Wohnsitz  jenseits  der  Grenze.  Zwar  umfaßt  die  Gruppe  der  in
Lothringen  ansässigen  deutschen  Einpendler  rd.  5.300  Personen  und  entspricht
6,3  %  aller  Erwerbstätigen  des  Kohlereviers.  Doch  diese  Deutschen  spielen  für
die  Entwicklung  einer  grenzübergreifenden  Kultur  am  saarländischen  Arbeitsplatz
  natürlich  keine  Rolle.

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