Die Unterwerfung des Baltikums durch Schweden, Dänen und Deutsche
erfolgte von See her, die baltischen Lande wurden „aufgesegelt“. Dabei gingen
militärische Eroberung und Christianisierung Hand in Hand, und man spricht
daher auch von der „Schwertmission“.10 In Livland war es nicht anders, und
doch versuchte man gerade in Riga, auch mit einem alternativen Konzept das
Christentum zu verbreiten.11 Von langer Hand war dieses Konzept im
holsteinischen Segeberg, im dortigen Augustinerchorherrenstift, vorbereitet
worden, wo man schon länger baltische Sklaven im Kindesalter gekauft, ihnen
die Freiheit geschenkt und sie zur Missionsarbeit vorbereitet hatte, zu der die
Jungen mit ihrer Mehrsprachigkeit über vorzügliche Voraussetzungen
verfügten. Heinrich von Lettland berichtete als Augenzeuge in seiner
Livländischen Chronik, daß es 1205 in Riga zu einem Straßentheater mit
missionarischer Zielsetzung gekommen war, bei dem die alttestamentlichen
Bilder das heidnische Publikum offenbar beeindruckten. Als aber im Prophetenspiel
die Szenerie wechselte und „die Gewappneten Gideons mit den
Philistern stritten, begannen die Heiden aus Furcht, getötet zu werden, zu
fliehen, wurden jedoch behutsam zurückgerufen“.12 Das vielversprechende
Experiment eines Straßentheaters im Missionseinsatz war gescheitert, auch
Heinrich von Lettland, der selbst als Dolmetscher das Theaterspiel zu kommentieren
und dann zu retten suchte, blieb ohne Erfolg.
Die Nennung eines (bzw. mehrerer) erforderlicher Dolmetscher bei diesem
Theaterspiel mag überleiten zur Sprachenfrage, die aus der ethnischen Vielfalt
der Stadtbevölkerung von Deutschen (mehrerer Dialekte), Liven, Letten und
Russen vor allem resultierte. In Riga wie sonst im Baltikum unterschied man
zwischen Deutsch und Undeutsch, d.h. prinzipiell allen anderen Sprachen.
Daher mag es legitim sein, die sorgfältige Untersuchung von Paul Johansen
und Heinz von zur Mühlen zur Sprachenfrage in Reval mit gebotener Vorsicht
auch auf Riga zu beziehen.13
10 Manfred Hellmann (Hg.): Studien über die Anfänge der Mission in Livland,
Sigmaringen 1989 (Vorträge und Forschungen, Sonderband 37), vor allem die Beiträge
von M. Hellmann und B. U. Hücker (mit ausführlichen Literaturhinweisen) sowie B.
Jähnig zu den Anfängen der Sakraltopographie von Riga.
11 Hier und im folgenden Reinhard Schneider: „Straßentheater im Missionseinsatz. Zu
Heinrichs von Lettland Bericht über ein großes Spiel in Riga 1205“, in: M. Hellmann
(Hg.): Studien über die Anfänge der Mission in Livland (wie Anm. 10) S. 107-121.
12 Zweisprachige Ausgabe: Heinrich von Lettland: Livländische Chronik, neu übersetzt von
Albert Bauer, Darmstadt 1959 (Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe Bd. 24), Buch
IX, 14, S. 44f.
13 Paul Johansen und Heinz von zur Mühlen: Deutsch und Undeutsch im mittelalterlichen
und frühneuzeitlichen Reval, Köln-Wien 1973 (Ostmitteleuropa in Vergangenheit und
Gegenwart 15).
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