Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Reinhard  Schneider

Riga  im  Mittelalter.
Eine  Kaufmannsstadt  im  Schnittpunkt
VERSCHIEDENER  KULTUREN

Mittelalterliche  Städte  waren  in  der  Regel  wirtschaftliche  und  administrative
Mittelpunkte,  hatten  mit  ihren  zumeist  zentralörtlichen  Funktionen  besondere
Bedeutung  für  Handel  und  Verkehr,  für  das  Gerichtswesen  und  nicht  zuletzt
für  kirchenorganisatorische  Angelegenheiten.  Sie  konnten  auch  Zentren  gesellschaftlichen
  und  kulturellen  Lebens  sein.  Insofern  liegt  es  nahe,  das
Rahmenthema  „Grenzkultur  -  Mischkultur?“  am  Beispiel  bedeutender  Städte
zu  erörtern.  Die  Stadt  Riga  gehört  zu  ihnen,  liegt  im  Grenzland,  im  Schnittpunkt
  verschiedener  Herrschaftsbereiche,  Völker  und  Kulturen.  Angesichts  der
großen  räumlichen  Distanz  etwa  zu  rheinischen  und  linksrheinischen  Städten
birgt  die  Betrachtung  dieser  Stadt  im  fernen  Baltikum  den  zusätzlichen  Reiz,
den  Möglichkeiten  zum  Vergleichen  bieten.  Zeitlich  soll  unsere  Skizze  den
Verhältnissen  im  Riga  des  13.  Jahrhunderts  gelten.1
Der  Blick  ist  also  auf  Livland  zu  richten,  die  historische  Landschaft  an  der
baltischen  Ostsee  (Karte  1).  Hier  entwickelte  sich  etwa  vier  Kilometer
landeinwärts  entfernt  von  der  Mündung  der  Düna  ins  Meer  im  beginnenden
13.  Jahrhundert  an  einer  Stelle,  an  der  ein  kleines  Flüßchen  (Rigebach)  eine
Hafenanlage  erleichterte,  die  Stadt  Riga  -die  stat  tho  der  Ryge.2  Vor  1201
gab  es  „nur  eine  fast  siedlungsleere  Handelsstätte  mit  einem  Landeplatz  und
einem  verlassenen  Burgberg,  die  lediglich  während  der  Märkte  zu  bestimmten
Jahreszeiten  bevölkert  war“.3  Jetzt,  im  Jahre  1201,  errichtete  Bischof  Albert
einen  befestigten  Bischofssitz,  von  dem  aus  die  christliche  Mission  in  Livland
gefördert  werden  sollte.  Die  sich  ebenfalls  an  gleicher  Stelle  entwickelnde
nichtagrarische  Siedlung  lebte  vom  Handel,  sie  hatte  mit  wenigen  hundert
Menschen  in  den  ersten  zehn  Jahren  einen  bescheidenen  Umfang.  In  der  Zeit
von  1211-1234  entstand  dann  „die  eigentliche  Handelsstadt“,  in  „erster  Linie

Gewidmet  sei  dieser  Beitrag  Friedrich  Benninghoven,  dessen  Untersuchungen
grundlegend  sind:  Rigas  Entstehung  und  der  frühhansische  Kaufmann,  Hamburg  1961
(Nord-  und  osteuropäische  Geschichtsstudien,  Bd.  3).
Wilhelm  Neumann:  Riga  und  Reval,  Leipzig  1908  (Berühmte  Kunststätten  42),  S.  4.
Benninghoven  (wie  Anm.  1)  S.  110.

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