Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Die  medizinische  Versorgung  -  vom  vergleichsweise  mangelhaften  Kenntnisstand
  einmal  ganz  abgesehen  -  war  im  Mittelalter  und  lange  darüber  hinaus  in
Europa  völlig  unzureichend.91  Die  wenigen  Ärzte  standen  vor  allem  der
Oberschicht  zur  Verfügung  -  und  dies  war  auf  Feldzügen  nicht  anders  als  im
Frieden,  nur  mit  schlimmeren  Folgen:  die  ungeheuren  Zahlen  von  Todesfällen
im  Zuge  von  Krankheiten  und  Verwundungen  sprechen  für  sich.  Und  -  im
Itinerarium  peregrinorum  klingt  dies  deutlich  an  -  ohne  die  rudimentäre
Versorgung  durch  die  im  Heer  anwesenden  Frauen  wären  noch  mehr  Tote  zu
beklagen  gewesen.
Machte  Europa  auch  in  den  folgenden  Jahrhunderten  ungeheure  Fortschritte  auf
militärtechnischem  Gebiet  -  vor  allem,  was  das  Vemichtungspotential  seiner
Waffen  angeht  -,  so  hinkte  es  hinsichtlich  der  Versorgung  und  medizinischen
Betreuung  seiner  Soldaten  noch  lange  dem  Orient  hinterher.  Während  etwa  die
einer  strengen  Disziplin  unterworfenen  osmanischen  Armeen  im  16.  und  17.
Jahrhundert  Köche,  Ärzte  und  männliches  Sanitätspersonal  mit  sich  führten,91 92
blieben  die  europäischen  Landsknechts-  und  Söldnerheere  bis  über  den
Dreißigjährigen  Krieg  hinaus  von  Frauen  in  ihrem  Troß  abhängig.  Auf  der  einen
Seite  beeinträchtigte  dies  zwar  die  Mobilität  der  Heere  und  konnte  disziplinarische
  Probleme  mit  sich  bringen,  auf  der  anderen  Seite  wurde  dadurch  wenigstens
  eine  rudimentäre  medizinische  Versorgung  und  etwas  mehr  Menschlichkeit
  gewährleistet.

91  Schipperges,  Heinrich:  Die  Kranken  im  Mittelalter,  München  1990.
92  Vgl.  dazu  die  Ausführungen  von  Finkei,  Caroline:  The  Administration  ofWarfare:  the
Ottoman  Military  Campaigns  in  Hungary  1593-1606,  1  und  2  [Appendix],  Wien  1988
(Beihefte  zur  Wiener  Zeitschrift  für  die  Kunde  des  Morgenlandes  14),  hier  1,  S.  110ff.,
vor  allem  S,  111.  Siehe  auch  Murphy,  Rhoads:  Ottoman  Warfare  1500-1700,  London
1999,  S.  102f.  und  130f.,  sowie  die  dort  S.  92  abgebüdete  osmanische  Miniatur  aus  der
Mitte  des  14.  Jahrhunderts,  die  einen  recht  guten  Eindruck  vom  Lagerleben  einer
islamischen  Armee  vermittelt.

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