Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

begaben,  sondern  auch  einfachere  Ritter.86  Aber  es  geht  hier  gar  nicht  um  die
Frauen  des  Adels,  sondern  um  die  vielen  Namenlosen,  die  mit  den  Heeren  in
den  Osten  zogen.
Als  das  christliche  Heer  -  wir  erinnern  uns  -  so  unwillig  dem  Befehl  des  englischen
  Königs  zum  Abmarsch  aus  Akkon  Folge  leistete,  kam  man  dahin  überein,
daß  alle  Frauen  in  der  Stadt  zu  bleiben  haben;  lediglich  die  Waschfrauen,  die  für
das  Heer  weder  eine  Last  noch  eine  Veranlassung  zur  Sünde  darstellten,  sollten
mitziehen  dürfen.87  Und  Ambroise  fügte  dem  noch  nüchtern  hinzu,  daß  diese
Waschfrauen  die  Männer  auch  entlaust  hätten.88  Joinville  spricht  einmal  von
Schlachtern  und  anderen  Nichtkombattanten  im  Lager,  einschließlich  der
Frauen,  die  Lebensmittel  verkauften.89
Mögen  diese  Frauen  selbstredend  nicht  alle  abstinent  und  die  Übergänge  von
Waschfrau  oder  Marketenderin  zur  Dime  fließend  gewesen  sein,  so  ist  jedoch
festzuhalten,  daß  ihnen  eine  wichtige  Rolle  im  Heerlager  zufiel.  Sie  waren  nicht
nur,  wie  wir  gehört  haben,  für  das  Wäschewaschen  und  Entlausen  zuständig,
sondern  auch  für  die  Nahrungszubereitung  und  viel  wichtiger  noch,  für  die
Kranken-  und  Verwundetenpflege.  Ohne  hier  in  einen  medizingeschichtlichen
Diskurs  einsteigen  zu  wollen,  sei  nur  kurz  an  das  ungemeine  Gefälle  erinnert,
das  hinsichtlich  der  Kenntnis  und  Behandlung  sowohl  von  Krankheiten  als  auch
von  Verwundungen  im  Mittelalter  zwischen  der  muslimisch-jüdischen  Welt  auf
der  einen  Seite  und  der  christlichen  auf  der  anderen  bestand.9^  Im  Vergleich
zum  Orient  war  der  Okzident  -  das  islamische  Spanien  ausgenommen  -  damals
ein  unterentwickeltes  ,Drittweltland‘.

86  So  spricht  z.B.  Joinville  (Anm.  35),  S.  398,  einmal  von  einem  armen  Ritter,  der  mit
Frau  und  vier  Kindern  in  den  Orient  gereist  war.
87  Itinerarium  peregrinorum  (Anm.  11),  B  4  K  9,  S.  248.
88  Ambroise:  L'  Estoire  (Anm.  11),  V  5695-5698.
89  Joinville  (Anm.  35),  S.  182.
9^  Aufschlußreich  sind  in  diesem  Zusammenhang  die  kritisch-ironischen  Bemerkungen,
die  der  syrische  Emir  Usäma  b.  Munqid  (Anm.  20),  S.  152f.  und  156f.  (Hitti:  Memoirs,
S.  162f.  und  166f.),  über  den  mangelhaften  medizinischen  Kenntnisstand  der  Franken
macht.  Siehe  auch  Schipperges,  Heinrich:  Arabische  Medizin  im  Mittelalter,  Berlin-Heidelberg-New
  York  1976  (Sitzungsberichte  der  Heidelberger  Akademie  der
Wissenschaften.  Mathematisch-naturwissenschaftliche  Klasse.  Jahrgang  1976,  2.  Abt.),
passim.  Siehe  auch  Paterson,  Linda  M.:  „Military  Surgery:  Knights,  Sergeants  and
Raimon  of  Avignon’s  Version  of  thè  Chirurgia  of  Roger  of  Salerno  (1180-1209)“,  in:
Christopher  Harper-Bill  and  Ruth  Harvey  (Hg.):  The  Ideals  and  Practice  of  Medieval
Knighthood  2.  Papers  from  the  third  Strawberry  Hill  Conference  1986,  Woodbridge
1988,  S.  117-146.

186
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.