Kraft aus dem zügellosen Umgang mit ihren Frauen zogen, ja, die fränkischen
Frauen selbst reine Amazonen gewesen sein müssen, die, sofern sie sich nicht
persönlich in den Kampf stürzten, die Männer mit ihren Liebesdiensten dazu anspomten.81
Mag dieser Gedanke auch spekulativ anmuten, könnte er doch eine
Erklärung dafür sein, weshalb die Muslime einmal einen Überraschungsangriff
auf die fränkischen Tavernen und Bordelle unternahmen, mit anderen Worten,
vielleicht zielte dieser Angriff darauf ab, die Kampfmoral des Gegners zu erschüttern.82
Die Verknüpfung von Liebeslust, Kampfmoral und Kampfkraft findet sich denn
auch recht unverblümt in der Estoire de la Guerre Sainte ausgedrückt. Dort
klagt Ambroise mit beredten Worten, daß hunderttausend Männer auf diesem
Kreuzzug gestorben seien, weil sie abstinent gewesen waren.83 Der Redaktor
des Itinerarium peregrinorum schwächte diese Aussage späterhin dahingehend
ab, daß die Männer starben, weil sie in der Hoffnung auf göttliche Anerkennung
sich von Frauen fernhielten. Sie hätten es für sündig erachtet, körperliche
Gesundheit auf Kosten ihrer Reinheit zu erlangen. So hätten sie es geduldig ertragen,
daß ihre Körper verfielen, damit ihre Seelen unbefleckt blieben.84
Die Aussage des Ambroise kommentierte Helen J. Nicholson in ihrer Übersetzung
des Itinerarium peregrinorum dahingehend: „He appears to mean that
sex is essential for men’s survival!“ Und fährt dann fort - ich paraphrasiere -,
das Ganze würde nur dann Sinn machen, wenn unser Autor der Meinung wäre,
daß die Männer die medizinische Hilfe von Frauen abgelehnt hätten, um ihre
körperliche Reinheit zu erhalten.85 Dies ist jedoch reine Interpretation und steht
so nicht bei Ambroise; es läßt sich bestenfalls aus der abgeschwächten
Formulierung des Itinerarium peregrinorum entnehmen. Wichtig aber ist der
meines Erachtens unberechtigte und moralisierende Erklärungsversuch von
Helen J. Nicholson insofern, als er auf einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt
verweist.
Nicht alle Frauen, die mit den Kreuzfahrern in den Orient zogen oder sich dort
in den Heerlagern aufhielten, waren Dirnen. Wir wissen, daß nicht nur viele
Fürsten und Heerführer sich in Begleitung ihrer Gemahlinnen auf den Kreuzzug
8* ‘Imäd ad-Dln (Anm. 31), S. 228-231. Die von Massé besorgte Übersetzung ins
Französische (‘Imäd ad-Din: Conquête de la Syrie, S. 202f.) ist stark gekürzt, da der
Text „contient trop de détails scabreux“.
82 ‘Imäd ad-Din (Anm. 31), S. 228. Lyons, Malcolm C. und Jackson, D. E.: Saladin. The
politics of the Holy War, Cambridge 1982 (University of Cambridge Oriental
Publications 30), S. 307f., erwähnen kurz diesen Angriff.
83 Ambroise: L’ Estoire (Anm. 11), V 12238-12241.
84 Itinerarium peregrinorum (Anm, 11), B 6 K 35, S. 440.
85 Nicholson (Anm. 11), S. 380 Anm. 99.
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