Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Nicht  viel  anders  muß  es  auf  dem  Kreuzzug  Ludwigs  IX.  nach  Ägypten  zugegangen
  sein,  den  schon  die  Zeitgenossen  ob  seiner  tiefen  Frömmigkeit  priesen.
So  berichtet  der  gern  moralisierende  Joinville  entrüstet,  wie  der  französische
Adel  nach  der  Besetzung  von  Damiette  dort  rauschende  Bankette  veranstaltet
und  wertvolle  Vorräte  verpraßt  habe.  Die  Mehrzahl  der  Kreuzzugsteilnehmer
habe  sich  mit  Dirnen  eingelassen.  Allerdings,  berichtet  Joinville  weiter,  habe
König  Ludwig  der  Heilige  später  einige  Übeltäter  ob  ihrer  Ausschweifungen  zur
Rechenschaft  gezogen.  Lind  dies  deshalb,  so  läßt  er  den  Kapetinger  selbst  begründen,
  weil  sich  das  fragliche  Bordell  nur  in  Steinwurfnähe  vom  königlichen
Zelt  befunden  habe.77
Anders  als  die  Kreuzfahrer,  denen  ihr  Gelübde  eigentlich  Mäßigung  und  sexuelle
  Enthaltsamkeit  auferlegt  hätte,  scheinen  sich  die  Muslime  verhalten  zu  haben.
  Sie  hielten  sich  offenbar  weitgehend  -  zumindest  konnte  ich  den  arabischen
Quellen  nichts  Gegenteiliges  entnehmen  -  an  ihre  religiösen  und  gesellschaftlichen
  Gebote,  die  ihnen  den  Genuß  von  Alkohol  untersagten  und  den  Umgang
mit  Frauen  in  der  Öffentlichkeit  starken  Beschränkungen  unterwarf.  Sultan
Baibars  ließ  später  sogar  Weinausschank  und  Bordelle  im  Mamlukenreich  verbieten
  -  aus  beiden  Gewerben  hatten  seine  Vorgänger  stattliche  Steuereinkünfte
erzielt  -,  weil  er  angeblich  nicht  wollte,  daß  seine  Soldaten  mit  diesem  anrüchigen
  Geld  besoldet  würden.78 *  Um  den  Kreuzfahrern  gleichsam  einen  Spiegel  ob
ihres  verwerflichen  Tuns  vorzuhalten,  erwähnt  diese  Maßnahme  des  Sultans
später  auch  der  Dominikanermönch  Wilhelm  von  Tripolis  in  seinem  Tractatus
de  Statu  Sarracenorum./9
Umso  erstaunter  werden  die  Muslime  das  ausgelassene  Treiben  auf  der  Seite  ihrer
  Gegner  wahrgenommen  haben,  Schon  der  gebildete  und  vergleichsweise
aufgeschlossene  syrische  Fürst  Usäma  b.  Munqid  registrierte  verwundert  den
viel  freieren  Umgang  zwischen  den  Geschlechtern  bei  den  Franken  und  das
Betragen  von  deren  Frauen  in  der  Öffentlichkeit.80  Erst  recht  unverständlich
muß  den  Muslimen  dann  erschienen  sein,  was  ihnen  aus  den  fränkischen
Heerlagern  zu  Ohren  kam.  Vielleicht  fragte  man  sich  auf  muslimischer  Seite,
weshalb  ein  so  gefährlicher  Gegner  sich  gleichzeitig  so  hemmungslos  und  -  aus
muslimischer  Sichtweise  -  amoralisch  verhalten  konnte.  Möglicherweise  stellt
ja  die  höchst  erotische  Schilderung  des  ‘Imäd  ad-Dln  über  die  Ankunft  von  300
fränkischen  Liebesdienerinnen  im  Lager  vor  Akkon  einen  Erklärungsversuch  für
dieses  ambivalente  Verhalten  dar.  Aus  seinem  Bericht,  den  er  „Frauen  der  Liebe
und  des  Kampfes“  betitelt,  ließe  sich  immerhin  schließen,  daß  die  Männer  ihre
77  Joinville  (Anm.  35),  S.  112.
78  Thorau:  The  Lion  of  Egypt  (Anm.  68),  S.  196.
7^  Wilhelm  von  Tripolis:  Notitia  de  Machometo.  De  statu  Sarracenorum,  hg.  von  Peter
Engels,  Wiirzburg/  Altenberge  1992  (Corpus  Islamo-Christianum.  Series  Latina  4),  S.
326.
80  Usäma  b.  Munqid  (Anm.  20),  S.  154ff.  (Hitti:  Memoirs,  S.  164ff.).

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