Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Schon  die  Chronisten  des  1.  Kreuzzuges  berichten  von  den  vielen  Frauen,  die
das  Heer  begleiteten.  Ihre  Anwesenheit  wurde  teilweise  als  selbstverständlich
hingenommen  oder  als  Ärgernis  bzw.  als  Gefahr  für  das  Seelenheil  der
Kreuzfahrer  vermerkt.  Nicht  viel  anders  verhielt  es  sich  damit  später  in  den
Kreuzfahrerstaaten.
Besonders  aufschlußreich  sind  auch  in  diesem  Zusammenhang  wieder  die  lebendigen
  Schilderungen,  die  uns  die  beiden  in  Altfranzösisch  schreibenden
Augenzeugen  Ambroise  und  Joinville  sowie  der  Redaktor  des  lateinisch  abgefaßten
  Itinerarium  peregrinorum  davon  geben.  So  erzählt  letzterer,  wie  sich  angesichts
  der  langen  Belagerung  Akkons  durch  die  Kreuzfahrer  nicht  nur  die
Lebensmittelversorgung  drastisch  verschlechterte  und  das  Heer  hungern  ließ,
sondern  sich  auch  Disziplinlosigkeit  breitmachte.  Das  Heer  drängte  in  die
Tavernen  -  die  es  also  im  christlichen  Heerlager  gab  -  und  vertrieb  sich  seine
Zeit  mit  Dirnen  und  Würfelspiel.  Als  Balduin,  der  greise  Erzbischof  von
Canterbury,  eines  Tages  einen  besonders  krassen  Bericht  über  das  sündhafte
Treiben  zugetragen  bekam,  soll  er  in  seiner  Verzweiflung  tief  geseufzt  und  Gott
darum  gebeten  haben,  ihn  aus  dem  hiesigen  Leben  hinwegzuführen  -  eine  Bitte,
die  ihm  kurz  danach  auch  gewährt  wurde.73  Später  dann,  nach  der  Eroberung
Akkons,  als  Richard  Löwenherz  die  Armee  nach  Tyrus  führen  wollte,  habe  diese
recht  wenig  Lust  zum  Abrücken  verspürt.  Zu  sehr  seien  ihre  Angehörigen  dem
Laster  und  schönem  Leben  verfallen  gewesen,  zu  viele  Freuden  hätte  die  Stadt
zu  bieten  gehabt,  vor  allem  Wein  und  äußerst  hübsche  Mädchen.74  Nach  den
schweren  Gefechten  bei  Arsuf  ging  Richard  Löwenherz  daran,  das  von  den
Muslimen  zerstörte  Jaffa  wiederaufzubauen.  Die  mehrwöchige  Kampfpause
nutzte  die  Armee,  um  sich  zu  erholen  und  zu  zerstreuen.  Aber  wie  die  Tage  so
vergingen,  habe  auch  das  sündhafte  Treiben  wieder  zugenommen.  Die  Frauen,
die  man  in  Akkon  zurückgelassen  hatte,  seien  wieder  zur  Armee  gestoßen  und
damit  hätten  sich  Trunkenheit  und  Wollust  wieder  im  Lager  breitgemacht.75
Besonders  übel  sollen  sich  die  Franzosen  aufgeführt  haben.  Nachdem  sie  nicht
nur  schimpflich  Richard  Löwenherz  und  die  Seinen  bei  Askalon  verlassen  hätten
  und  nach  Tyrus  weitergezogen  seien,  hätten  sie  dort  das  militärische  Leben
mit  dem  Liebesieben  vertauscht.  Schlaflos  hätten  die  Franzosen  ihre  Nächte  auf
Trinkgelagen  zugebracht,  um  dann,  erhitzt  vom  Wein  und  getrieben  vom
Verlangen  nach  Mädchen,  Bordelle  aufzusuchen.76

73  Itinerarium  peregrinorum  (Anm.  11),  B  1  K  65,  S.  123f.
74  Ambroise:  L'  Estoire  (Anm.  11),  V  5669-5686;  Itinerarium  peregrinorum  (Anm.  11),  B
4  K  9,  S.  247f.
75  Ambroise:  L’  Estoire  (Anm.  11),  V  7031-7050;  Itinerarium  peregrinorum  (Anm.  11),  B
4  K  26,  S.  284.
76  Ambroise:  L'  Estoire  (Anm.  11),  V  8439-8478;  Itinerarium  peregrinorum  (Anm.  11),  B
5  K  20,  S.  331.

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