Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

China  seit  der  Zeitenwende  in  Gebrauch  war.60  Über  die  Araber,  die  im  Zuge
ihrer  Eroberungen  diesen  Geschütztypus  Ende  des  7.  Jahrhunderts  in  Zentralasien
  kennenlemten,  gelangte  das  Wissen  darum  nach  Europa,  wo  er  bis  etwa  zu
Beginn  des  13.  Jahrhunderts  in  Gebrauch  blieb.61  Selbstverständlich  gab  es  auch
bei  diesen  einfacheren  Hebelwurfgeschützen  im  Lauf  der  Zeit  Verbesserungen
hinsichtlich  ihrer  Technik  und  Größe,  auf  die  hier  nicht  näher  einzugehen  ist.
Sie  vermochten  Steine  von  ungefähr  50  bis  75  kg  auf  eine  Entfernung  bis  zu  100
m  zu  schleudern.62  Da  ein  englischer  Langbogen  wie  auch  ein  türkischer
Compositbogen  eine  wirksame  Maximalreichweite  bis  zu  200  m  erreichte,63
heißt  das,  daß  sich  sowohl  die  Geschütze  als  auch  ihre  Bedienungsmannschaften
in  der  Reichweite  der  gegnerischen  Pfeile  aufhielten.  Da  Muslime  wie
Kreuzfahrer  über  den  mehr  oder  weniger  gleichen  Geschütztypus  verfügten,
erklärt  dies  denn  auch  die  hohen  Verluste  an  Kriegsmaschinen  und  Bedienungspersonal
  auf  beiden  Seiten,  von  denen  wir  immer  wieder  lesen.  Allerdings
scheinen  die  muslimischen  Geschütze  den  christlichen  im  13.  Jahrhundert
überlegen  gewesen  zu  sein,  da  Joinville  einmal  davon  spricht,  daß  die  Geschütze
der  Muslime  im  Gegensatz  zu  denen  der  Kreuzfahrer  erheblichen  Schaden
anrichteten.64
Eine  wesentliche  Neuerung  und  Verbesserung  stellte  die  Entwicklung  von
Hebelwurfgeschützen  mit  einem  Gegengewicht  dar,  das  den  kürzeren  Hebelarm
nach  unten  drückte.  Bislang  geht  die  Forschung  davon  aus,  daß  dieser
Geschütztyp  irgendwo  in  Italien  entwickelt  und  dort  erstmals  um  das  Jahr  1200
eingesetzt  wurde.65  Diese  Geschütze  vermochten  Steine  von  über  250  kg  auf
eine  Entfernung  von  bis  zu  300  m  zu  schleudern,  was  ein  Gegengewicht  von  ca.
10000  kg  erforderte.66  1248  hören  wir  anläßlich  der  Belagerung  von  Hirns  davon,
  daß  die  Muslime  diese  Katapulte  einsetzten,  die  sie  manganiq  al-franglya
oder  manganiq  al-magrihlya  nannten,  also  fränkische  bzw.  westliche  Kata¬60

  Needham,  J.:  „China’s  Trebuchets,  Manned  and  Counterweighted“,  in:  B.  S.  Hall  und
D.  C.  West  (Hg.):  On  Pre-modern  Technology  and  Science.  Studies  in  Honor  of  Lynn
White  Jr.,  Malibu  1976,  und  Franke,  H.:  „Siege  and  Defense  of  Towns  in  Medieval
China“,  in:  F.  Kierman  (Hg.):  Chinese  Ways  in  Warfare,  Cambridge,  Mass.  1974.  Vgl.
ferner  HiU  (Anm.  59),  S.  99f.
61  Fries,  N.:  Das  Heerwesen  der  Araber  zur  Zeit  der  Omaijaden  nach  Tabari,  Tübingen
1921,  S.  45  und  55f.;  Hill  (Anm.  59),  S.  99ff.
62  Huuri  (Anm.  59),  S.  13f.,  91,  149  und  160f.;  Hill  (Anm.  59),  S.  lOOff.;  Rogers  (Anm.
33),  S.  27lf.
63  Huuri  (Anm.  59),  S.  165,  unterschätzt  die  Reichweite  dieser  Bögen,  wie  die  jüngsten
Forschungen  von  Rees,  Gareth:  „The  longbow’s  deadly  secrets“,  in:  New  Scientist  138
(1993),  S.  24-25,  belegen.
64  Joinville  (Anm.  35),  S.  128.
65  Hill  (Anm.  59),  S.  103f.;  Rogers  (Anm.  33),  S.  265.
66  Hill  (Anm.  59),  S.  105f.  und  114.

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