Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

-  Haben  nicht  ebenfalls  Tausende  von  Saarländern  ihren  Wohnsitz  dicht
hinter  der  Grenze  gewählt?
-  Fährt  nicht  schon  die  Saarbrücker  Saarbahn  nach  Sarreguemines?
-  Hat  nicht  der  Einzelhandel  von  Saarbrücken  eine  zentralörtliche
Anzugskraft  auf  den  Nachbarraum?
-  Und  holt  nicht  manch  lebensfreudiger  Saarländer  sich  auf  der  anderen
Seite  Käse,  Rotwein  und  Baguette?
-  Wurde  nicht  die  buchstäblich  grenzüberschreitende  Montanindustrie  zu
einem  wirtschaftlich,  aber  auch  sozial  verbindenden  Element?
-  Haben  nicht  zahlreiche  bi-  oder  multinationale  Institutionen  grenzübergreifende
  Kontakte  und  Planung  zu  ihrer  Aufgabe  gemacht?
-  Wächst  nicht  die  Zusammenarbeit  im  Kultur-  und  Bildungsbereich?
Bei  der  Frage,  ob  so  entstehende  wechselseitige  Einflüsse  über  die  Grenze  hinweg
  eine  „Mischkultur“  entstehen  lassen,  muß  zunächst  festgelegt  werden,  welchen
  „Kultur“-Begriff  wir  denn  verwenden.  Aus  anthropogeographischer  Sicht
verstehen  wir  Kultur  als  die  Gesamtheit  der  in  einem  abgrenzbaren  Raum  typischen
  Lebens-  und  Handlungsformen  größerer  Gruppen  einschließlich  der  sie
tragenden  Geistesverfassung  und  Werteinstellungen.  Auf  dieser  Basis  wollen
wir  die  vielseitigen  grenzübergreifenden  Kontakte  kritisch  unter  dem  Aspekt
betrachten,  ob  die  zahlreichen  Formen  der  Berührung  zwischen  den  Menschen
auch  zu  einer  Berührung,  Durchdringung,  ja  einer  „Mischung“  ihrer  Kulturen
führen.  Untersucht  werden  soll  in  diesem  Zusammenhang  auch,  inwieweit  diese
Beziehungen  nicht  nur  Konsequenzen  eines  wirtschaftlichen  und  sozialen
Gefälles  zwischen  den  beiden  Seiten  des  von  einer  Grenze  zerschnittenen
Ballungsraumes  sind,  die  weder  zum  Entstehen  einer  „Mischkultur“  führen
noch  Ausdruck  einer  solchen  sind.
Zunächst  noch  offen  lassen  wollen  wir  den  problematischen  Begriff  „Mischkultur“
  bei  der  Erfassung  und  Analyse  grenzüberschreitender  Beziehungen.
Solche  Kontakte  sollen  hier  nur  anhand  einiger  Beispiele  exemplarisch
behandelt  werden.  Dabei  orientieren  wir  uns  an  dem  in  der  Anthropogeographie
gebräuchlichen  Konzept  der  Daseinsgrundfunktionen.3
Als  Beispiele  grenzüberschreitender  Beziehungen  im  saarländisch-lothringischen
  Grenzraum  betrachten  wir  nun
1. deutsche  Direktinvestitionen  in  Lothringen  einerseits  und  die  im  Saarland  arbeitenden
  Grenzpendler  andererseits  {Funktion  Arbeiten)  (vgl.  Dörrenbächer/
Schulz,  im  Druck)

Dieses  auf  der  von  Stadtplanem  und  Architekten  1933  formulierten  Charta  von  Athen
basierende  Konzept,  bestehend  aus  den  Funktionen  Wohnen,  Arbeiten,  Sich-Versorgen,
Sich-Bilden,  Sich-Erholen,  Verkehrsteilnahme,  In-Gemeinschaft-Leben  (Partzsch  1970a)
war  Grundlage  der  sogenannten  Münchner  Schule  der  Sozialgeographie  (Ruppert  und
Schaffer  1969).

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