Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

in  der  Manier  römischer  Usurpatoren  ihren  Anspruch  auf  Teile  oder  gar  die
Gesamtheit  des  Römischen  Reiches  kund.
Als  Regentin  hatte  Zenobia  die  Entscheidungen  über  das  weitere  Schicksal
Palmyras  in  der  Hand.  Ihr  zur  Seite  stand  eine  Gruppe  wichtiger  Berater.
Neben  den  Generalen,  die  ihren  Dienst  schon  unter  Odaenathus  verrichtet
hatten,  sind  vor  allem  der  Neuplatoniker  Longinus45  und  der  abgesetzte
Bischof  Paulus  von  Samosata46  zu  nennen.  Trotz  dieser  Hilfe  vermochte  es
Zenobia  nicht,  dem  energischen  Vorstoß  Aurelians  erfolgreich  Widerstand  zu
leisten.  Über  Kleinasien  rückte  der  römische  Kaiser  nach  Palmyra  vor,  eroberte
die  Stadt,  setzte  Zenobia  gefangen  und  ließ  einige  ihrer  Ratgeber  hinrichten.
Die  Überlieferung  über  das  Ende  Zenobias  ist  uneinheitlich.  Einige  Quellen
berichten  von  ihrem  Tod  auf  der  Reise  nach  Rom,  andere  wollen  von  einem
beschaulichen  Leben  auf  einem  Landgut  in  der  Nähe  von  Tivoli  wissen,
nachdem  Zenobia  im  Triumphzug  Aurelians  274  n.  Chr.  mitgeführt  worden
war.47
Betrachten  wir  zunächst  die  epigraphischen  und  numismatischen  Hinterlassenschaften
  der  kurzen  palmyrenischen  Herrschaft.  Die  Erzeugnisse  der
Münzstätten  in  Antiochia  und  Alexandria  zeigen  die  Portraits  Aurelians  und  des
Vaballathus  auf  Vorder-  bzw.  Rückseite.48 *  Vor  der  Erhebung  weisen  sie
folgende  Legenden  auf:  IMP  AVRELIANVS  AVG  bzw.  VABALATHVS
VCRIMDR.  Allgemein  läßt  sich  festhalten,  daß  sich  Vaballathus  bzw.  Zenobia
den  ikonographischen  Vorgaben  der  römischen  Reichsprägungen  anpaßten.
Allein  die  Legende  VCRIMDR  ist  ungewöhnlich,  spiegelt  sie  doch  die
einzigartige  Stellung  des  Odaenathus-Nachfolgers  wider:  VC  -  vir  clarissimus,
R  —  rex,  IM  —  Imperator  und  DR  -  dux  Romanorum  49
Vaballathus  war  als  vir  clarissimus  Senator  und  damit  Angehöriger  der
sozialen,  politischen  und  wirtschaftlichen  Elite  des  Römischen  Reiches.  Die
lateinische  Bezeichnung  rex  charakterisiert  die  monarchische  Stellung  in  seiner
Heimatstadt  und  ist  der  einzige  lokale  Bezug  in  der  Titulatur  des  Vaballathus.
Die  Titel  imperator  und  dux  Romanorum  verweisen  auf  den  Beitrag  der
palmyrenischen  Fürsten  zur  Sicherung  des  Reichsbestandes  und  ihre
Vormachtstellung  im  Osten.  Die  Großtaten  der  Oasenstadt  legitimierten  denn
auch  das  Erscheinen  des  Vaballathus  auf  den  offiziellen  Zahlungsmitteln  des
von  ihm  geretteten  Imperium  Romanum.

4^  Aulitzky  1927;  Brisson/Patillon  1994  und  1998.
46  Miliar  1971.
47  Wailinger  1990.
48  RIC  V,1  S.  260  und  308  Nr.  381  mit  PI.  IX.130f.
49  Long  1996;  Szaivert  1987.

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