Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

der  Stadt.  Das  Unternehmen  endete  in  einem  Fehlschlag,  da  die  Bewohner  sich
und  ihren  beweglichen  Besitz  über  den  Euphrat  in  Sicherheit  brachten.26
Wann  Palmyra  schließlich  Teil  der  direkten  Herrschaft  Roms  wurde,  ist
umstritten.  Mögliche  Anhaltspunkte  für  eine  Datierung  bieten  einige
epigraphische  Zeugnisse:  Die  Basis  einer  Statuengruppe  für  Tiberius,  Drusus
und  Germanicus,  die  durch  Minucius  Rufus,  den  Legaten  der  in  Carrhae
stationierten  legio  X  Fretensis,  im  Zusammenhang  mit  der  Orientreise  des
Germanicus  (17-19  n.  Chr.)  gestiftet  wurde.27  In  ihrer  juristischen  Tragweite
nicht  eindeutig  zu  klären  ist  auch  die  Grenzziehung  des  Statthalters  Creticus
Silanus  (13-17  n.  Chr.)  im  Westen  Palmyras.28  Wurden  hier  Gebiete  innerhalb
des  Reichsverbandes  zugewiesen  oder  eine  Außengrenze  gegen  Palmyra
festgelegt?  Das  wirtschaftliche  und  strategische  Interesse  Roms  an  der  Stadt
führte  in  den  siebziger  Jahren  des  1.  Jahrhunderts  n.  Chr.  zumindest  zu  ihrer
Anbindung  an  die  Infrastruktur  des  Reiches.29
Eine  endgültige  Entscheidung  läßt  sich  über  den  Beginn  der  Reichszugehörigkeit
  Palmyras  also  nicht  treffen.  Doch  scheint  die  erste  Hälfte  des  1.
Jahrhunderts  n.  Chr.  für  die  Orientierung  der  Außenbeziehungen  Palmyras
entscheidend  gewesen  zu  sein.  Im  Inneren  verband  die  politische  Organisation
der  Stadt  Elemente  der  griechischen  polis  (Boule  und  Demos)30  mit  den
Stammesstrukturen  der  arabischen  Bewohner  (Einteilung  der  Stadt  in  vier
„Stammesviertel“,  Zuordnung  zu  je  einem  Heiligtum).3!  Im  Lauf  der  nächsten
zwei  Jahrhunderte  bis  zur  Zerstörung  der  Stadt  kann  man  ihre  allmähliche
Einbindung  in  die  Strukturen  des  Römischen  Reiches  beobachten.  Das  berühmte
  Zollgesetz32  von  137  n.  Chr.  stützt  sich  in  großen  Teilen  seiner
Verfügungen  auf  Entscheidungen  römischer  Amtsträger  des  1.  Jahrhunderts  n.
Chr.  Die  Repräsentanten  Roms  waren  vielleicht  auf  Bitte  der  Stadt
Schiedsrichter  in  Streitfällen.  Mit  der  Annexion  des  Nabatäerreiches  durch
Traian  106  n.  Chr.  wurde  die  wirtschaftliche  Position  Palmyras  gestärkt.  In
Verbindung  mit  weiteren  kriegerischen  Unternehmungen  des  römischen
Kaisers,  die  letztlich  zur  Einrichtung  dreier  kurzlebiger  Provinzen  auf
erobertem  parthischem  Reichsgebiet  führten,  steht  möglicherweise  die  Aushebung
  der  ersten  regulären  palmyrenischen  Militäreinheit,  der  ala  Ulpia

26  App.  b.c.  5,l,9f.
27  Année  Épigraphique  1933,  Nr.  204  -  Drijvers  1987a,  S.  120.
28  Année  Épigraphique  1939,  Nr.  179  -  Bowersock  1994a,  S.  176.
29  Année  Épigraphique  1933,  Nr.  205  -  ein  Meilenstein  des  legatus  pro  praetore  M.  Ulpius
Traianus  75  n.Chr.  -  Isaac  1998a,  S.  418.
30  Bowersock  1994a,  S.  178.
31  Miliar  1993,  S.  322.
32  CIS  2,3913  -  die  zeitliche  Abfolge  der  Gesetzesteile  ist  nicht  eindeutig  geklärt,  vgl.
Brodersen  1987;  Drijvers  1977,  S.  840-843;  Teixidor  1984,  S.  57-90.

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