Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

Reiches  mit  den  Kulturgrenzen  der  oikumene  zusammenfielen.11  Das
Perserreich  entzog  sich  aber  in  zweifacher  Weise  dieser  Dichotomie  der  Welt.
Denn  im  Gegensatz  zu  den  Barbaren  waren  die  Perser  dem  Römischen  Reich
militärisch,  wirtschaftlich  und  zivilisatorisch  ebenbürtig.

2.  Das  Perserreich
Mit  dem  Vordringen  der  Parther  in  das  Gebiet  des  zerfallenden
Seleukidenreiches  trat  die  Dynastie  der  Arsakiden  die  Nachfolge  in  den
östlichen  Gebieten  des  Diadochenstaates  an.12  Die  neuen  Machthaber  bemühten
sich  mit  dem  achaimenidischen  Titel  „König  der  Könige“  um  die  Legitimierung
  ihrer  Herrschaft  durch  Anknüpfung  an  orientalische  Traditionen.13
Auch  wenn  die  Titulatur  nicht  mit  einer  der  ausgreifenden  säsänidischen  Politik
vergleichbaren  Umsetzung  einherging,  finden  sich  doch  Mitglieder  der
Dynastie,  die  offen  die  Rückgabe  achaimenidischer  Besitzungen  von  Rom
forderten  und  damit  Herrschaftsansprüche  weit  über  den  Euphrat  hinaus  bis  hin
nach  Europa  stellten.14  Das  unter  der  seleukidischen  Dynastie  fest  eingewurzelte
  hellenistische  Element  konnte  von  den  Großkönigen  nicht  ohne
weiteres  ignoriert  werden.  Die  „Hellenisierung“  der  führenden  Schichten  im
Partherreich  mag  nur  oberflächlich  gewesen  sein,15  aber  zumindest  eine
respektierende  und  umwerbende  Haltung  der  Dynastie  darf  man  aus  der  von  ihr
ausgeprägten  griechischen  Münzlegende  „Philhellen“  ablesen  dürfen.16
Mit  dem  Herrschaftsantritt  der  Säsäniden  verstärkte  sich  allerdings  Anfang  des
3.  Jahrhunderts  n.  Chr.  der  Rückbezug  auf  die  orientalischen  Ursprünge.  Die
durch  tatkräftige  Könige  gefestigte  Zentralgewalt  und  der  durch  den
Zoroastrismus  unterstützte  universale  Herrschaftsanspruch  bündelten  die  Kräfte
des  Perserreiches.17  Infolge  der  sich  verfestigenden  Zweiteilung  der  Welt  in
Erän  und  Anerän18  und  des  göttlichen  Auftrages  zur  Weltherrschaft  trafen  am
Euphrat  zwei  Reiche  mit  sich  gegenseitig  ausschließenden  Ideologien
aufeinander.  Ohne  Aussicht,  den  Gegner  überwinden  zu  können,  wechselten

11  Vogt  1929;  Vogt  1967.
12  Bivar  1983,  S.  32-35;  Lemer  1999,  S.  13-31.
13  Wiesehöfer  1994,  S.  183.
14  Zu  den  parthisch-römischen  Beziehungen  vgl.  Campbell  1993;  Ziegler  1964;  Wiesehöfer
1986  zu  den  historisch  begründeten  Gebietsansprüchen  Persiens  an  das  Römische  Reich.
15  Im  Sinne  einer  Überinterpretation  der  Quellen  hinsichtlich  eines  parthischen  Hellenismus
Huyse  1996;  in  scharfer  Ablehnung  eines  Philhellenismus  parthischer  Prägung  Wolski
1993,  S.  106f.
16  Zur  Entwicklung  der  parthischen  Münzprägung  Sellwood  1971  und  1983.
17  Die  politische  Geschichte  der  säsänidischen  Dynastie  bei  Frye  1983;  überblicksartig  auch
zu  anderen  Aspekten  Schippmann  1990.
18  Gignoux  1987,  S.  30f.

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