Full text : Grenzkultur - Mischkultur?

kanzleigebundene  Berufsschreiber  in  der  Lage  waren,  gleichzeitig  -  wenn  auch
vielleicht  mit  unterschiedlicher  Intensität,  wobei  der  Hauptakzent  sicherlich  auf
dem  Französischen  lag  -  Schriftstücke  in  beiden  Volkssprachen  herzustellen.
Hier  mag  man  nicht  zuletzt  an  erfahrene  Lohnschreiber  aus  Metz  denken,  die
im  Bedarfsfall  herbeigerufen  wurden  und  die  Dokumente  vor  Ort  niederschrieben
  -  ohne  daß  man  den  tatsächlichen  Einfluß  solcher  Schreiber  auf  die  im  13.
und  14.  Jahrhundert  zahlreicher  werdenden  ,öffentlichen1  Notariate  und
Tabellionate,  auf  die  klösterliche  Beurkundungspraxis  sowie  auf  das  Schriftgut
der  größeren  und  kleineren  Adelsgeschlechter  der  Region  beim  derzeitigen
Forschungsstand  wirklich  abschätzen  könnte.70  So  hat  man  denn  von  philologischer
  Seite  die  für  den  Saar-Mosel-Raum  charakteristische  Kombination  eines
sehr  frühen  Übergangs  zum  Französischen  mit  einer  stark  verzögerten
Einführung  des  Deutschen  in  der  Beurkundungspraxis  als  typisches  Merkmal
von  Grenzkulturen  bezeichnet.  Auch  wenn  sich  für  die  kulturhistorisch  eminent
wichtige  Frage,  weshalb  hier  auf  dem  Weg  zur  volkssprachigen  Beurkundung
das  Französische  sich  zwischen  das  Latein  und  die  eigentliche  Muttersprache
zumindest  der  ,armen  Leute4  der  Region  geschoben  hat,  eine  wirklich  schlüssige
  Erklärung  bisher  nicht  hat  beibringen  lassen,  erhebe  doch  schon  die
Tatsache  an  sich  diese  Regionen  zu  einem  „Modell  für  die  Analyse  sprachgrenzüberschreitender
  Schreibsprachkontakte“  und  „wechselseitiger  Beeinflussungen
der  Varietäten44,71  wie  Kurt  Gärtner  und  Günter  Holtus  kürzlich  formulierten.
Für  Oberlothringen  ergibt  sich  damit  bei  der  Betrachtung  schreibsprachlicher
Phänomene  ein  Bild,  das  der  von  vielen  Historikern  favorisierten  Vorstellung
von  der  Sprachgrenze  als  Bruchlinie  sozialer  und  kultureller  Entwicklungen  im
späten  Mittelalter  geradezu  diametral  entgegensteht.  Vieles  wird  davon  abhängen,
  ob  man  mit  Hilfe  skriptologischer  Untersuchungen  die  Existenz  und  vor
allem  die  Ostausdehnung  einer  auf  Metz  hin  orientierten  sprachlichen
Kontaktzone  wirklich  plausibel  machen  kann.  Erkenntnisfortschritte  hinsichtlich
  der  den  doppelten  Wechsel  der  Urkundensprache  in  Ostlothringen  vom
Lateinischen  zum  Französischen  und  schließlich  zum  Deutschen  „begleitenden,
möglicherweise  initiierenden  und  fördernden  territorial-,  sozial-  und  verfassungsgeschichtlichen
  Rahmenbedingungen“72  werden  sich  dabei  nur  in  inter¬70

  Vgl.  Cahen:  „Ecrivains“,  S.  99;  Reichert:  „In  lingua  Guallica“,  S.  381;  Herrmann:
„Volkssprache“,  S.  132.
71  Gärtner/Holtus:  „Vorwort“,  in:  dies.:  Urkundensprachen,  S.  9-19,  hier  S.  10;  vgl.  auch
Gärtner/Holtus/Rapp/Völker:  „Urkunden“,  S.  23:  „Wenn  auch  mit  zeitlicher  Verschiebung,
  so  treten  im  13.  und  14.  Jahrhundert  im  Herrschaftsbereich  der  Luxemburger
Grafen  sowohl  französischsprachige  als  auch  deutschsprachige  (moselfränkische)
Urkunden  auf  [...]  Diese  besondere  Konstellation  bietet  eine  vielversprechende  Grundlage
nicht  nur  für  kleinräumig  angelegte  Schreibanalysen  mit  all  ihren  sprach-  und
sozialgeschichtlichen  Implikationen,  sondern  auch  für  die  Untersuchung  von
sprachgrenzüberschreitenden  Schreibsprachkontakten“.
72  Reichert:  „In  lingua  Guallica“,  S.  378.

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